Ehe

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Die Ehe ist ein Mysterium bzw. Sakrament.

Das Sakrament der Ehe – DIE KRÖNUNG

Im Sakrament der Ehe segnet die Kirche das Brautpaar für sein gemeinsames Leben und für die Geburt und Erziehung der Kinder. Der Bräutigam und die Braut müssen dabei Gott versprechen, dass sie einander das ganze Leben treu bleiben werden. Natürlich müssen ein solches Versprechen und die Ehe selbst freiwillig und ohne Zwang sein, weil sie ein Abbild der Verbindung Christi mit der Kirche ist. Warum das so ist und warum die Ehe zwischen Mann und Frau der mystischen Verbindung Christi mit der Kirche gleicht, ist ein großes Geheimnis, aber es ist so. Der Bräutigam und die Braut sollten sich der Wichtigkeit dieses Augenblicks bewusst werden, wenn der Priester sie bei der Feier des Sakraments im Namen des Herrn krönt; von diesem Moment an sind sie nicht mehr zwei verschiedene Menschen, sondern “ein Leib”, den niemand zerstören soll oder darf. “Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen”, lesen wir im Evangelium. Und in der Tat, die Scheidung der Eheleute ist nicht nur vor den Kindern, die sie geboren haben, eine Sünde, sondern auch vor Gott und Seiner Kirche, sie ist eine Verletzung und eine Missachtung der Heiligkeit des Sakraments und deshalb auch eine Gotteslästerung.

Wie die Ehe begründet wurde. Im ersten Buch der Bibel wird beschrieben, wie Gott aus Erde den ersten Menschen, Adam, erschaffen hat und wie Er ihm eine Helferin schuf, Eva, d. h. Leben. “Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt”, so lautet Gottes Wort, das uns im ersten Buch Mose überliefert wurde. “Seid fruchtbar und vermehrt euch”, trug Gott dem ersten Ehepaar auf, von dem die gesamte Menschheit stammt. “Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins.” So spricht der Herr. Was kann stärker sein als die Verbindung zwischen einer Mutter und ihrem Kind? Doch auch sie tritt in den Hintergrund, wenn eine Ehe geschlossen wird. Der Mensch verlässt Vater und Mutter, und es entsteht eine neue Familie. Natürlich sind die Verpflichtungen der Kinder den Eltern gegenüber nicht aufgehoben, aber der Vorrang der Verbindung zwischen Mann und Frau bleibt bestehen. Sogar Vater oder Mutter haben kein Recht, die Eheleute zu trennen oder für sie die Hauptautorität in ihren Konflikten zu sein. Die Eheleute regeln alles untereinander und mit Gott, denn ihnen allein, und niemandem sonst, ist die Gnade der Ehe gegeben, und diese sakramentale Gnade leitet und erleuchtet sie in schwierigen Phasen des Ehelebens, die keinem erspart bleiben.

Der Mann ist das Haupt der christlichen Familie. Bei der Trauung wird aus dem Apostelbrief gelesen, in dem es heißt, dass der Mann die Frau lieben muss wie sich selbst, die Frau aber ihren Mann fürchten. Das eine kann nicht ohne das andere sein: weder die Liebe des Mannes noch die Furcht der Frau, die natürlich keine gewöhnliche Furcht (Angst) ist, denn diese existiert für jemanden, der liebt, nicht. Es ist die gleiche Furcht, wie sie der Mensch vor Gott hat, Ihn durch seine Sünden zu beleidigen. Gott liebt die Menschen, und jeder Christ sollte fürchten, diese Liebe zu verletzen, genauso sollen die Männer ihre Frauen lieben, die Frauen aber sollten fürchten, diese Liebe zu zerstören. Übrigens “weder der Mann ohne die Frau noch die Frau ohne den Mann”.

Im Christentum wird die Familie eine “kleine Kirche” genannt. Die Beziehungen in der Familie zwischen allen ihren Mitgliedern sollten nicht nur auf das Alltagsleben ausgerichtet sein. Die Familie ist ein christliches Geheimnis, und nicht umsonst steht das Sakrament der Ehe an ihrem Beginn; sie hat durch die sakramentale Gnade Bestand und schöpft aus ihr Kraft. Eine echt christliche Familie hilft jedem Mitglied, ein vorbildliches Glied der Kirche zu sein, und stört dabei nicht. Das wichtigste Fundament der christlichen Familie sind natürlich die Liebe und der orthodoxe Glaube, die Mann und Frau zu Verbündeten im Geist machen, ihre Taten und Gedanken beflügeln, sie zu einem gemeinsamen Ziel führen und mit der Zeit nicht altern wie die körperliche Anziehungskraft. “Wunderbar ist das Joch zweier gläubiger Menschen”, schrieb der bekannte christliche Schriftsteller Tertullian, “die ein und dieselbe Hoffnung haben, die nach ein und denselben Regeln leben, die dem einen Herrn dienen. Sie beten gemeinsam, sie fasten gemeinsam, sie lehren und ermahnen einander. Sie sind gemeinsam in der Kirche, gemeinsam beim Abendmahl des Herrn (d. h. der Liturgie), gemeinsam in Trauer und Verfolgung, in der Buße und Freude. Sie sind Christus gefällig, und Er schickt ihnen Seinen Frieden. Und wo zwei in Seinem Namen sind, ist kein Platz für das Böse.” Und selbstverständlich ist eine echt christliche Ehe nicht anstößig oder abzulehnen. Der Apostel Paulus mahnt, falschen Lehrern keinen Glauben zu schenken, die in der Endzeit die Ehe verbieten wollen.

Wann darf man heiraten?

Das Sakrament der Ehe wird in der Orthodoxen Kirche nicht an jedem Tag gespendet. Trauungen finden nicht statt: während aller vier Fastenzeiten, am Tag vor den Fasttagen Mittwoch und Freitag (d. h. am Dienstag und Donnerstag), aber auch am Vortag des Sonntags (d. h. am Samstag) und am Vortag der großen Festtage, damit der Abendgottesdienst vor den Festtagen nicht versäumt und durch Vergnügungen und das Festmahl nicht behindert wird. Trauungen werden auch nicht am Vortag und am Tag der Enthauptung bzw. Auffindung des Hauptes Johannes des Täufers, am Vortag und am Tag der Kreuzerhöhung sowie in der Osterwoche und zwischen Weihnachten und Epiphanie gehalten. Gemäß diesen Regeln kann man an Sonntagen, Montagen, Mittwochen und Freitagen heiraten, wenn keine Fastenzeit ist.

Wer kann gekrönt werden?

Gekrönt werden können diejenigen Getauften, die eine Ehe eingehen und Gott das Versprechen geben wollen, dass diese Ehe für ihr ganzes Leben gilt. Die zukünftigen Eheleute dürfen anderen gegenüber durch kein Eheversprechen verpflichtet sein. Darüber befragt der Priester die Eheleute ausdrücklich bei der Trauung. Die zukünftigen Eheleute dürfen in keiner Blutsverwandtschaft oder geistlichen Verwandtschaft zueinander stehen. Diese Frage kann nur der Priester klären. Der Priester überprüft, ob es keine kirchlichen Ehehindernisse gibt: ob der Bräutigam und die Braut in einem geistlichen Verwandtschaftsverhältnis zueinander stehen und ob beide den christlichen Glauben bekennen. Gewöhnlich heiraten die Eheleute vor der Trauung im Standesamt. Diakone und Priester heiraten nicht (ihre Ehen werden noch vor der Weihe geschlossen), wie auch diejenigen, die Mönchsgelübde abgelegt haben.

Die Verlobung

Die Feier des Sakraments und begleitende Riten

Vor der Krönung findet die Verlobung des Bräutigams mit der Braut statt. Heute folgt die Krönung sofort nach der Verlobung, früher verging dazwischen eine längere Zeit. Gewöhnlich findet die Trauung nach der Liturgie statt, bei der Braut und Bräutigam die Kommunion empfangen. Während der Liturgie liegen die Eheringe auf dem Altartisch und werden dort geweiht. Der Bräutigam und die Braut stehen vor Beginn der Verlobung im Vorraum der Kirche: der Bräutigam rechts, die Braut links. Der Priester öffnet die Königstür und tritt in voller liturgischer Kleidung zu ihnen heraus, reicht ihnen Kerzen, welche die ganze Zeit während der Feier des Sakraments brennen sollen, und stellt Braut und Bräutigam nebeneinander beim Eingang in den Kirchenraum auf. Nach Beräucherung und Gebeten vollzieht er die Verlobung, d. h. die Verbindung der künftigen Eheleute durch die Ringe.

Die Form des Ringes selbst ist ein Symbol für die Ewigkeit, die kein Ende hat. So ewig soll eine christliche Ehe sein. Sogar der Tod kann sie nicht trennen. Der Priester nimmt zuerst den Ring des Bräutigams und spricht folgende Worte: “Verlobt wird der Diener Gottes (z. B. Alexander) mit der Dienerin Gottes (z. B. Elena)” und steckt ihm den Ring für einige Zeit an den Finger. Danach nimmt er den Ring der Braut, der etwas größer ist, und spricht: “Verlobt wird die Dienerin Gottes (z. B. Elena) mit dem Diener Gottes (z. B. Alexander)”, und steckt diesen der Braut an den Finger. Danach tauscht der Priester die Ringe dreimal, so dass der Ring der Braut, der größer ist, beim Bräutigam verbleibt und der Ring des Bräutigams bei der Braut. Die so ausgetauschten Ringe tragen die Eheleute während ihrer Ehe. Dies symbolisiert die Einmütigkeit, das Zusammenhalten und die gegenseitige Unterstützung, genauso wie die geistige Verbindung zwischen beiden, wie weit sie voneinander auch getrennt sein mögen. Der Ring des einen Gatten wird ihn den anderen nicht vergessen lassen.

Nach der Verlobung und den entsprechenden Gebeten führt der Priester die Brautleute in die Mitte der Kirche und liest den Psalm 127[1], der vom Segen in der Ehe handelt. Der Chor singt vielmals: “Ehre sei Dir, unser Gott, Ehre sei Dir!” In der Mitte der Kirche steht ein Pult mit einem Kreuz und einem Evangeliar, daneben liegen die Kronen. Vor dem Pult wird ein Tuch oder ein sauberes Handtuch auf den Boden gelegt, darauf stellen sich der Bräutigam und die Braut. Nun kommt der feierliche Augenblick, in dem der Priester ihnen im Namen der Kirche nacheinander folgende Fragen stellt: “Hast du den aufrichtigen und ungezwungenen Willen, diese(n) N. N. (z. B. Alexander/Elena), den (die) du hier vor dir siehst, zum Gatten (zur Gattin) zu nehmen? Hast du dich keinem anderen Mann (keiner anderen Frau) versprochen?”

Die Krönung

“Gebenedeit sei das Reich des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.” Mit diesem Ausruf beginnt das eigentliche Sakrament der Krönung. In den folgenden Gebeten wird an die Erschaffung der Frau aus der Rippe Adams und an den Segen für ihre Ehe erinnert. Die Kirche bittet den Herrn, der durch Seine Anwesenheit die Hochzeit zu Kana geheiligt und die Ehen vieler Vorväter – wie wir in der Bibel lesen können – gesegnet hat, Er möge auch diese Ehe wie jene anderen segnen.

Nach diesen feierlichen Gebeten nimmt der Priester die erste Krone, segnet mit ihr das Brautpaar mit den Worten “Gekrönt wird der Diener Gottes (z. B. Alexander) für die Dienerin Gottes (z. B. Elena) im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes”, reicht dem Bräutigam die kleine Ikone des Erlösers, die auf der Krone befestigt ist, zum Küssen und setzt ihm die Krone auf. Dasselbe tut er mit der zweiten Krone, wobei er spricht: “Gekrönt wird die Dienerin Gottes (z. B. Elena) für den Diener Gottes (z. B. Alexander)...”, und der Braut die kleine Ikone der Gottesmutter, die auf der Krone befestigt ist, zum Küssen reicht. Es gibt einen Brauch, die Kronen nicht aufzusetzen, sondern sie über den Häuptern der Brautleute zu halten. (Die Kronen werden in diesem Fall von den Trauzeugen oder Freunden des Brautpaares gehalten. Gewöhnlich wird dafür ein sauberes weißes Taschentuch vorbereitet, damit wird ein Bügel der Krone gehalten. Die Kronen werden so gehalten, dass sie den Kopf nicht berühren. Dies ist keine leichte Sache, denn die erhobene Hand ermüdet schnell, sogar wenn die Kronen nicht schwer sind; daher ist es erlaubt, die Hände zu wechseln oder sich mit jemandem anderen abzuwechseln, wenn der Trauzeuge sehr müde geworden ist). Richtiger wäre es jedoch die Kronen aufzusetzen. Nach dem Segen mit den Kronen wendet sich der Priester zum Altar und spricht dreimal die sakramentalen Worte: “Herr, unser Gott, kröne sie mit Herrlichkeit und Ehre!”, und segnet den Bräutigam und die Braut, die von nun an Mann und Frau sind. Die kirchlichen Kronen haben eine tiefe Bedeutung. So wie Gott beim Segen Adams und Evas nicht nur gesagt hat: “Seid fruchtbar und mehret euch”, sondern auch hinzufügte, “macht euch die Erde untertan”, d. h. Er machte sie zu Königen über die von Ihm geschaffene Natur, so bleibt diese Königswürde den Menschen bis heute erhalten, ungeachtet der von ihnen begangenen Sünden. Außerdem bedeuten diese Kronen auch die Siegeskronen der Märtyrer. Der Weg der Ehe ist schwierig, man stößt auf viele Hindernisse, aber man soll sie alle überwinden, um gemeinsam das Himmelreich zu erlangen. Nach der Krönung folgen die vorgesehenen Lesungen aus Apostelbrief und Evangelium. Nach den Fürbitten des Priesters für die Neuvermählten wird das Vater unser von den Anwesenden gesprochen oder gesungen, danach wird ein Gefäß mit Wein gebracht, der sogenannte “gemeinsame Kelch”, aus dem die Neuvermählten dreimal trinken. Der Priester segnet ihn und reicht ihn zuerst dem Bräutigam und dann der Braut, die sich bekreuzigen und jeweils einen Schluck Wein trinken. Von nun an, beginnend mit diesem “gemeinsamen Kelch”, wird für die Brautleute alles gemeinsam sein – Freude und Leid, Arbeit und Ruhe. Nachdem der Priester dem Brautpaar den “gemeinsamen Kelch” gereicht hat, verbindet er die rechten Hände der Brautleute, bedeckt sie mit dem Epitrachelion (Stola) und führt sie dreimal um das Pult. Jede Runde wird vom Chor mit einem besonderen Gesang begleitet. Im ersten wird von der Menschwerdung des Gottessohnes aus der Jungfrau Maria gesprochen, im zweiten bittet die Kirche um die Gebete der heiligen Märtyrer, damit die Jungvermählten den schweren Weg des Ehelebens meistern und ungeachtet der Schwierigkeiten in der Erfüllung der Gebote des Herrn nicht wanken. Der dritte Gesang schließlich verherrlicht Gott, der “der Ruhm der Apostel und die Freude der Märtyrer” ist.

Dabei ist der Kreis – wie der Ring – das Symbol für die Ewigkeit. Der gemeinsame Gang dieses Paares hinter dem Priester, der hier kraft seines Amtes den Herrn selbst symbolisiert, ist nur der Anfang eines langes Eheweges. Nach der dreimaligen Prozession um das Pult stellen sich die Neuvermählten wieder auf ihren Platz, der Priester nimmt die Kronen ab und gibt jedem von ihnen folgende Ermahnung auf den Weg mit: “Sei hochgepriesen, Bräutigam, wie Abraham und gesegnet wie Isaak, mehre dich wie Jakob, wandle im Frieden und befolge in Rechtschaffenheit die Gebote Gottes!” – “Und du, Braut, sei hochgepriesen wie Sara, frohlocke wie Rebekka, und mehre dich wie Rahel; freue dich an Deinem Manne, beachte die Grenzen des Gesetzes, denn also gefällt es Gott.”

Nach zwei Gebeten und dem Segen des Priesters küssen sich die Neuvermählten und bezeugen einander so ihre Liebe. Damit endet das Sakrament der Krönung. Die Brautleute werden zur Königstür geführt. Der Bräutigam verehrt die Ikone des Erlösers, die Braut die der Gottesmutter, die sich vor ihnen befinden, danach wechseln sie ihre Plätze und küssen abermals die Ikonen. Der Priester reicht ihnen das Altarkreuz zum Kuss und segnet sie mit den Trauungsikonen. Der Bräutigam erhält die Ikone des Erlösers, die Braut die Mutter-Gottes-Ikone. Diese Ikonen werden von den Brautleuten vorher mitgebracht. Gewöhnlich werden sie vor der Trauung in der Kirche gekauft, manchmal schon vorher bei einem Ikonenmaler bestellt. Es wird “Auf viele Jahre” gesungen, und danach folgt die Gratulation. Die Brautleute stehen beim Ambon – zur Gemeinde gewandt – und danken allen, die mit Blumen und Geschenken herantreten.

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Johannes R. Nothhaas: Das Mysterium der Krönung

Die moderne stattliche Gesetzgebung sieht in der Ehe einen Vertrag. Zu dieser Sicht hat die Philosophie der Aufklärung einen wesentlichen Beitrag geliefert. Sie hat die Ehe als Vertrag der Ehegatten zur Fortpflanzung verstanden. Folgerichtig war sie, wenn der Zweck des Vertrages nicht erreicht wurde, auch lösbar. Es war daher nur ein kleiner Schritt zu der Definition Kants, wonach sie „ein Vertrag zum wechselseitigen Gebrauch der beiderseitigen Geschlechtseigentümlichkeiten“ sein sollte. Noch weiter abwärts bewegte sich das ursprüngliche (sehr bald dann wieder geänderte) Sowjetrecht, nach dem es für eine Scheidung keines richterlichen Urteils mehr bedurfte. Es genügte die beiderseitige Willenserklärung. Wenn man auch die idealistische Eheauffassung insgesamt nicht mit „Kant’s unflätiger Definition“ (Spengler) belasten darf, so war doch auch Fichte der Meinung dass sich „Eheleute selbst mit freiem Willen scheiden, so wie sie sich mit freiem Willen verbunden haben“.

Man muss sogar fragen, ob nicht die Kirchen selbst zum Aufkommen der Vertragstheorie einen erheblichen Beitrag geliefert haben, wenn sie im liturgischen Vollzug der Trauung die beiden Partner sich gegenseitig das Ehesakrament spenden lassen. Die gegenseitige Ringspendung nimmt den dominierenden Platz ein, auch wenn der Geistliche danach noch seine segnende Hand auf die vereinigten Rechten des Brautpaares legt, die dieses sich reicht. – Hinzukommt noch, dass immer wieder Zweckgründe als Begründung der Ehe angeführt wurden. Als solche Zwecke wurden bezeichnet:

- die Fortpflanzung (Gen 1,28),

- die gegenseitige Hilfeleistung (Gen 2,18),

- Schutz vor sexueller Verirrung (1 Kor 7,2).

Diese Zwecksetzungen erscheinen aber ganz überflüssig angesichts der Tatsache, da Gott die gegenseitige Anziehung bei Mann und Frau von Anfang der Schöpfung eingepflanzt hat. Wenn die Kirchenlehrer trotzdem immer wieder die Zweckfrage in den Vordergrund zogen, so haben sie damit der Vertragstheorie der Aufklärung den Boden bereitet. In diesem Sinne haben denn auch die Ethiker der Aufklärung das sechste Gebot verstanden als Verpflichtung zur Vertragstreue und dem entsprechend den Ehebruch als Vertragsbruch.

Das sechste Gebot meint es jedoch ganz anders. Es nimmt auf Motive, Zwecke, Versuchungen gar keine Rücksicht. Es setzt die Ehe als Tatbestand ebenso voraus wie das vierte Gebot die Zuordnung von Eltern und Kindern. Das sechste Gebot setzt voraus, dass Mann und Frau einander zugeordnet sind, nicht im allgemeinen Sinne, sondern als Einzelpersonen durch Gott. Diese Zuordnung ist so stark, dass sie die Bindung an die Eltern an zweite Stelle rücken lässt: „Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seinem Weibe hangen, und sie werden sein ein Fleisch“ (Gen 2,24).

Jesus nimmt diesen Satz aus der Schöpfung auf und ergänzt ihn: „So sind sie nun nicht zwei, sondern ein Fleisch. Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden“ -

(Mt 19,6). Er hat die Ehe mit diesen Worten zu einem von Gott gesetzten Tatbestand erklärt. Sie ist demnach nicht nur Bindung der Gatten an einander, sondern auch Bindung beider Partner an Gott. Diese Bindung an Gott gilt nicht nur für den Vollzug der Trauung oder die Zeit der Verliebtheit, sondern für das ganze Leben. Der liturgische Vollzug dieses Sakraments ist die Einbeziehung Gottes als Schutzherrn und Garanten in den Ehealltag. Denn die Eheleute sind nicht mehr die Einzelindividuen, die sie vorher waren, jeder ein Leib für sich. Sie sind mit dem durch die Kirche vollzogenen Sakrament der Krönung jetzt „ein Fleisch“. Die Verbindung zwischen ihnen ist ebenso wie der Blutzusammenhang zwischen Eltern und Kindern ein leiblicher Tatbestand. Hinter der Entscheidung der Partner für einander steht die Fügung Gottes, der diesem Lebensbund seine Verheißung zugesagt hat. Aus diesem Grunde ist Ehebruch nicht nur Vertragsbruch, nicht nur persönliche Verletzung des Ehepartners, auch nicht nur formale Gesetzesübertretung, sondern Bruch dessen, was Gott zusammengefügt hat.

Diese Denkweise der Kirche über die Ehe steht quer zu allem, was heute in der bürgerlichen Gesellschaft gelebt wird. Dort wird mit Rücksicht auf Motive, Zwecke und Versuchungen die Ehe als Vertrag vorgezogen, der bei ungünstigem Verlauf wieder gekündigt werden kann. – Die dem menschlichen Verlangen nach Glück zuwider laufenden Umstände durchzutragen, erfordert schon beharrlichen Mut. Wenn Dauerbelastungen das eheliche Glück trüben (z. B. Krankheit wie Querschnittslähmung eines Partners), dann erfordert das festhalten an der göttlichen Fügung starke Charaktere. Nur die ständige Bindung an den Dritten in der Ehe im kirchlichen und privaten geistlichen Leben gibt dann die Kraft, solche Umstände zu ertragen und daran sogar charakterlich und geistlich zu wachsen.

Die Orthodoxe Kirche bezeichnet die kirchliche Trauung als Mysterium der Krönung. Im liturgischen Vollzug spenden sich nicht die Brautleute das Sakrament durch den Ringtausch, sondern es geschieht eine Krönung der Eheleute. Der Priester krönt sie mit zwei Kronen, die von den Trauzeugen bei dem Krönungsspruch, den beiden Lesungen von Apostel und Evangelium bis zum Gesang der Troparien bei der Umrundung des Analogions gehalten werden. Die Kronen haben eine dreifache Bedeutung:

  1. Die Eheleute werden gekrönt als Verwalter der Schöpfung, d. h. der geistigen und materiellen Güter, die ihnen von Gott anvertraut sind.
  2. Die Ehe ist zu manchen Zeiten auch eine Belastung. Dann gilt es für Christen, die Krone des Martyriums zu tragen. Der leichtere und bequeme Weg ist es, dem geforderten Opfer auszuweichen. Wer aber so handelt, kann nicht reifer werden und an Charakterstärke wachsen. Die Flucht in eine neue Beziehung zu einem anderen Partner verschiebt die Probleme nur in die Zukunft.
  3. Wenn die Eheleute in guten und bösen Tagen die Ehe nach dem Willen Gottes geführt haben, erlangen sie die Krone des ewigen Lebens. In dieser Deutung der Kronen durch die liturgischen Gebete während der Trauung wird die realistische Sicht dessen, was Ehe mit sich bringt, deutlich.

Ehe ist nicht vorstellbar ohne die Liebe in einem doppelten Sinn. Die körperliche und geistige Zuneigung von Mann und Frau, der Eros, sind der Schöpfung als positive Regungen schon vor dem Sündenfall beigegeben.

Was aber den Eros überbietet und unabhängig ist von körperlicher und geistiger Gesundheit und Blüte ist die Agape, die uneigennützige Liebe im Sinne von 1 Kor 13 - Wenn das Neue Testament zufällig nur von der Agape des Ehemannes spricht (Eph 5,25–28), so ist sie doch selbstverständlich auch der Gattin geboten. Diese uneigennützige Liebe ist auch für Paulus die selbstverständliche Voraussetzung für das eheliche Leben unter Christen, das er an dieser Stelle verdeutlicht an dem Verhältnis von Christus zur Kirche:

„Ihr Männer, liebet eure Frauen, gleichwie Christus auch die Kirche geliebt hat und sich selbst für sie hingegeben hat“.

So wie Christus sein Leben für das Heil der Kirche gegeben hat, so soll auch der Mann für seine Frau einstehen. – Und umgekehrt: So wie die Kirche im Martyrium ihrer Märtyrer die Treue zu ihrem Herrn gehalten hat, so sollen auch die Ehefrauen für ihre Männer einstehen. „Einer trage des anderen Last“ bis hin zur Aufgabe seines Lebens, „so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Gal 6,2).

Erstveröffentlichung und Urheberrecht

Priester Johannes R. Nothhaas, Orthodoxe Gemeinde des Hl. Christophorus, Mainz. Bei Fragen an den Autor zum Artikel und dem orthodoxen Glauben: nothhaas@googlemail.com

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