Alfred der Große, erster König der Engländer


Gedächtnis: 26. Oktober
Der heilige Alfred der Große, König von Wessex und später der Angelsachsen, wurde im Jahre 849 in Wantage in Berkshire geboren. Er war der jüngste Sohn König Æthelwulfs von Wessex und dessen Gemahlin Osburga. Schon in seiner Kindheit zeigte sich seine große Liebe zum Lernen, die sein gesamtes späteres Wirken prägen sollte. Sein Zeitgenosse und Biograph Asser berichtet, dass Alfred zunächst nicht lesen konnte, sich aber Gedichte und andere Texte durch Zuhören einprägte. Seine Mutter habe ihren Söhnen einst ein schön gestaltetes Buch altenglischer Dichtung gezeigt und versprochen, es demjenigen zu schenken, der dessen Inhalt zuerst erlernen könne. Alfred nahm die Herausforderung an und brachte ihr schließlich das Buch auswendig gelernt zurück.
Als Kind reiste Alfred nach Rom, wo er Papst Leo IV. begegnete. Wenige Jahre später begleitete er seinen Vater erneut auf einer Reise nach Rom. Diese frühen Erfahrungen verbanden ihn mit dem kirchlichen Leben des christlichen Westens und gehörten zu jener geistlichen Bildung, die später sein Verständnis des Königtums bestimmen sollte.
Alfred wuchs in einer Zeit schwerer Bedrängnis auf. Seit Jahrzehnten suchten skandinavische Heere die englischen Königreiche heim, plünderten Städte und Klöster und zerstörten zahlreiche kirchliche und kulturelle Zentren. Besonders gefährlich wurde die Lage nach der Ankunft des sogenannten Großen Heidnischen Heeres im Jahre 865. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder, König Æthelred I., nahm Alfred an den Kämpfen gegen die dänischen Heere teil.
Nach dem Tod seines Bruders im Jahre 871 bestieg Alfred im Alter von etwa zweiundzwanzig Jahren den Thron von Wessex. Bereits zu Beginn seiner Herrschaft musste er zahlreiche Kämpfe gegen die Dänen bestehen. Zeitweilige Friedensschlüsse brachten keine dauerhafte Ruhe, und im Winter 877/878 wurde Wessex von einem überraschenden Angriff des dänischen Königs Guthrum erschüttert. Alfred musste sich mit wenigen Getreuen in die schwer zugänglichen Sümpfe von Somerset zurückziehen.
Auf der von Wasser und Sümpfen geschützten Insel Athelney sammelte Alfred seine Kräfte neu. Von dort aus organisierte er den Widerstand. Im Frühjahr 878 rief er seine Getreuen zusammen und zog gegen Guthrums Heer. In der Schlacht von Edington errang Alfred einen entscheidenden Sieg und zwang die Dänen zum Frieden.
Der Sieg endete jedoch nicht mit der Vernichtung oder Demütigung des besiegten Gegners. Guthrum erklärte sich zur Annahme des christlichen Glaubens bereit und empfing mit einer Gruppe seiner Gefolgsleute die heilige Taufe. Alfred selbst wurde sein Taufpate, und Guthrum erhielt den christlichen Namen Æthelstan. Der ehemalige Feind wurde damit zum geistlichen Sohn des christlichen Königs. Dieses Ereignis wurde in der orthodoxen Überlieferung besonders hervorgehoben, weil sich darin Alfreds Verständnis von Sieg und Herrschaft zeigt: Der militärische Gegner sollte nicht nur bezwungen, sondern nach Möglichkeit für Christus gewonnen werden.
Der anschließende Friede gab Alfred die Möglichkeit, sein Reich neu zu ordnen. Er ließ ein Netz befestigter Orte, der sogenannten Burhs, ausbauen, organisierte die Verteidigung neu und förderte den Bau einer Flotte. Diese Maßnahmen sollten verhindern, dass Wessex erneut durch überraschende Angriffe an den Rand des Untergangs gebracht werden konnte. In den folgenden Jahren gewann Alfred zunehmend auch über Wessex hinaus Ansehen und Einfluss und wurde schließlich als König der Angelsachsen bezeichnet.
Für Alfred war die Wiederherstellung seines Reiches jedoch nicht allein eine militärische oder politische Aufgabe. Die Verwüstungen der vorausgegangenen Jahrzehnte hatten zahlreiche Klöster zerstört, kirchliche Gemeinschaften geschwächt und das Bildungswesen schwer getroffen. Der König beklagte insbesondere den Niedergang der Kenntnis des Lateinischen, durch den viele Geistliche die Bücher, die sie für ihren Dienst benötigten, kaum noch verstehen konnten.
Deshalb versammelte Alfred gelehrte Geistliche aus verschiedenen Teilen der britischen Inseln und vom europäischen Festland an seinem Hof. Zu ihnen gehörten Plegmund, der spätere Erzbischof von Canterbury, Bischof Werferth von Worcester, der Waliser Asser sowie die Gelehrten Grimbald und Johannes. Mit ihrer Hilfe begann Alfred ein umfassendes Werk zur Erneuerung der christlichen Bildung.
Besonders deutlich wird Alfreds Absicht in seinem Vorwort zur altenglischen Übersetzung der „Cura pastoralis“, der „Regel des Hirten“, des heiligen Gregor des Großen. Darin beklagt er, wie sehr die Gelehrsamkeit in England zurückgegangen sei. Viele Kirchen seien zwar noch mit Büchern ausgestattet gewesen, doch nur wenige Menschen hätten sie verstehen können, weil sie in lateinischer Sprache geschrieben waren. Alfred wollte deshalb jene Bücher, die er für alle Menschen als besonders notwendig erachtete, in die Sprache übertragen lassen, die sein Volk verstand.
In diesem Zusammenhang nennt Alfred selbst Plegmund, Asser, Grimbald und Johannes als Männer, von denen er gelernt hatte. Die Erneuerung der Bildung war für ihn daher keine bloß weltliche Förderung von Gelehrsamkeit. Sie sollte den Menschen ermöglichen, die christliche Lehre besser zu verstehen und Geistliche dazu befähigen, ihren Dienst gewissenhaft auszuüben.
Unter Alfreds Förderung entstanden so altenglische Fassungen wichtiger Werke der christlichen, geschichtlichen und philosophischen Bildung. An diesem Übersetzungswerk beteiligte sich der König auch selbst, während andere Texte von den Gelehrten seines Hofes übertragen wurden; so übersetzte Bischof Werferth von Worcester die „Dialoge“ des heiligen Gregor des Großen. Dadurch wurde die Volkssprache in verstärktem Maße zu einem Träger christlicher Bildung und Gelehrsamkeit.
Auch die Wiederbelebung des monastischen Lebens lag Alfred am Herzen. In Athelney, jenem Ort, der ihm während der schwersten Krise seines Königtums Zuflucht geboten hatte, gründete er ein Kloster und berief Mönche verschiedener Herkunft dorthin. Ebenso förderte er die Gründung eines Frauenklosters in Shaftesbury, dessen erste Äbtissin seine Tochter Æthelgiva wurde. Durch solche Gründungen wollte Alfred das monastische Leben stärken, das durch die dänischen Verwüstungen vielerorts schwer geschädigt worden war.
Auch seine Gesetzgebung verstand Alfred ausdrücklich im Licht des christlichen Glaubens. Seiner Gesetzessammlung stellte er biblische Gebote und Bestimmungen voran und verband die ältere angelsächsische Rechtstradition mit der Verantwortung des christlichen Herrschers vor Gott. Er sah das königliche Amt nicht als uneingeschränkte persönliche Macht, sondern als Verpflichtung zur Wahrung von Recht, Frieden und Gerechtigkeit.
Sein Biograph Asser zeichnet Alfred zugleich als einen Mann intensiven persönlichen Gebetslebens. Trotz der Last der Regierung suchte der König Zeit für Gebet, geistliche Lesung und Gottesdienst. Er bemühte sich, seine Zeit geordnet zwischen den Aufgaben der Herrschaft, dem Studium und dem geistlichen Leben aufzuteilen. Einen Teil seiner Einkünfte bestimmte er für kirchliche und wohltätige Zwecke.
Alfreds Leben war zudem über viele Jahre von schweren körperlichen Leiden geprägt. Asser berichtet ausführlich von einer schmerzhaften und wiederkehrenden Erkrankung, die den König seit jungen Jahren belastete. Trotz dieser Beschwerden erfüllte er seine königlichen Pflichten und setzte sein Bildungs- und Erneuerungswerk fort. Die orthodoxe Überlieferung erinnert deshalb auch daran, dass der heilige König nach langem Leiden seinen irdischen Lauf vollendete.
Neben seinen Aufgaben im Inneren unterhielt Alfred Beziehungen zu anderen christlichen Herrschern und Kirchen. Sein Blick beschränkte sich nicht allein auf Wessex. Sein Hof wurde zu einem Ort, an dem Gelehrte unterschiedlicher Herkunft zusammenwirkten, und seine Bemühungen um die Wiederherstellung des kirchlichen Lebens beeinflussten die weitere Entwicklung Englands weit über seine eigene Regierungszeit hinaus.
Der heilige Alfred entschlief am 26. Oktober 899. Ihm folgte sein Sohn Eduard der Ältere auf dem Thron. Alfred wurde zunächst in Winchester bestattet. Seine Gebeine wurden später in das New Minster und schließlich nach dessen Verlegung in die Hyde Abbey übertragen. Nach der Auflösung des Klosters im 16. Jahrhundert ging die genaue Kenntnis über den Verbleib seiner sterblichen Überreste verloren.
Alfred ist der einzige englische Herrscher, dem die Nachwelt dauerhaft den Beinamen „der Große“ verliehen hat. In der orthodoxen Überlieferung wird er jedoch nicht allein wegen seiner militärischen Siege, seiner staatlichen Reformen oder seiner Gelehrsamkeit geehrt. Verehrt wird er als rechtgläubiger christlicher König, der in einer Zeit schwerster Bedrängnis sein Volk verteidigte, nach dem Sieg seinem ehemaligen Feind Guthrum den Weg zur heiligen Taufe eröffnete, das kirchliche und monastische Leben wieder aufzurichten suchte und die christliche Bildung seines Volkes förderte. In seinem Königtum verbanden sich Mut und Gelehrsamkeit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sowie die Sorge um sein Reich mit dem Bewusstsein der Verantwortung vor Christus, dem König der Könige.
Quellen: Asser, Vita Ælfredi regis Angul Saxonum; Alfred der Große, Vorwort zur altenglischen Übersetzung der Cura pastoralis des hl. Gregor des Großen; Rumänisch-Orthodoxe Erzdiözese von Großbritannien und Nordirland, Saint Alfred the Great, King of Wessex and all Orthodox England; OrthoChristian, St. Alfred, 9th-century King of England, commemorated at ROCOR parish in Maryland; Orthodox England, The Saints of the Ninth Century.
Gebete
Troparion (4. Ton)
Auf den Weißen Christus hörend, kamst du hervor aus deiner flutgeschützten Zuflucht, um die Heiden zu überwinden und sie zur heiligen Taufe zu führen. Du erbautest Kirchen, Festungen, Grafschaften und schnelle Schiffe, stelltest das Gesetz Gottes wieder her und wurdest darob von allen geliebt. O weiser König und Ruhm des freien England, der du nun im Chor der Heiligen des himmlischen England herrschest, du, der du das Heidentum durch das Christentum überwunden hast, richte den orthodoxen Glauben in deinem Lande von neuem auf, auf dass wir Gott verherrlichen, Der allein dich groß gemacht hat.
Kondakion (2. Ton)
Heute verherrlicht der weise Alfred den Weißen Christus inmitten seines gläubigen Volkes und erbaut so ein Haus der Weisheit. Darin beschämt er alle Heiden und erweist das Kreuz als die mächtigste Waffe der Könige wider alle Feinde. Bitte für uns, o Gerechter, und errichte auch heute unter uns ein Haus der Weisheit, auf dass wir darin den Weißen Christus von neuem verherrlichen. Denn dieses große Feldzeichen ist erschienen um unseretwillen und zu unserem Heil.
aus dem Englischen übersetzt