Tichon, Hl. Patriarch von Moskau und ganz Russland

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Gedenktage: Synaxis der Neo-Märtyrer und Bekenner Russlands, 9. Februar (Auffindung der Gebeine), 25. März (Entschlafen), 26. September, 5. Oktober (Synaxis der Heiligen von Moskau, 5. November (Wahl zum Patriarchen)

Der Heilige Patriarch Tichon (seine weltlicher Name war Wassilij Belawin) kam am 19. Januar 1865 in Toropez, Gouvemement Pskow, als Sohn eines Geistlichen zur Welt. Er war ein kräftiger, geistreicher und lebensfroher Junge und bei seinen Altersgefährten in der geistlichen Lehranstalt sehr beliebt. Von Natur aus sehr begabt, gehörte er im Pskower Seminar zu den besten Schülern; er las viel und schrieb auch Gedichte. An der Petersburger Geistlichen Akademie freundete sich er eng mit dem damaligen Rektor, dem Wyborger Bischof Antonij (Wadkowski), (späterhin Metropolit von St. Petersburg), und dem Inspektor, Archimandrit Antoni (Chrapowizki) an, der damals bereits an eine Wiedereinführung der Patriarchenwürde in Rußland dachte. An der Akademie wurde Wassilij Belawin im Scherz liebevoll "Patriarch" genannt.

1888 absolvierte Wassilij Belawin die Akademie und wurde als Französischlehrer an das Pskower Seminar gesandt. Nachdem er Mönch geworden war und man ihm einen Rang zugesprochen hatte, unterrichtete er dort auch Moraltheologie und Dogmatik. 1897 wurde Archimandrit Tichon, zu jener Zeit bereits Rektor des Seminars in Cholm, zum Bischof von Lublin geweiht. Während seines elfmonatigen Dienstes in Lublin zelebrierte er gern Gottesdienste und hielte Predigten. Dann wurde ihm das Amt als Bischof der Aleuten und von Alaska in Nordamerika anvertraut.

Am 28. Oktober 1918 wurde durch Gottes Gnade, dank der Fürbitte der Heiligen Gottesgebärerin und den Gebeten der Moskauer Hierarchen auf dem Landeskonzil der Russischen Orthodoxen Kirche das Heilige Patriarchat wiederhergestellt. Die Patriarchenwürde sollte der Moskauer Metropolit Tichon bekleiden. Am 21. November, dem Fest von Mariä Einführung in den Tempel, wurde der neu gewählte Patriarch inthronisiert.

Am 25. März 1925, dem Tag von Mariä Verkündigung, ging der Demutsvolle Tichon, der Patriarch von Moskau und ganz Russland, ein Großer Märtyrer für den orthodoxen Glauben und für die Russische Kirche, in die Ewigkeit ein. Unter den unzähligen Kränzen am Sarge des Entschlafenen war auch einer, dessen Schleife die Aufschrift trug: "Einem Märtyrer des Glaubens".


"Russland im Aussatz"

Predigt, gesprochen am 14. Januar 1918 während eines Gottesdienstes in der Moskauer Nikolauskirche

Liebe Brüder,

soeben habt ihr aus dem Evangelium vernommen, wie unser Herr Jesus Christus zehn aussätzige Männer heilte.

Der Aussatz ist eine furchtbare und schwere Krankheit, der man häufig im Osten begegnet; der Körper des Kranken bedeckt sich mit Geschwüren und Krusten, seine Haut ist verschrumpelt und voller Eiter, sein Fleisch ist offen und faulig (Hiob 7,5); und so geht es ganze Jahre hindurch! Die Armen warten auf den Tod, und er kommt nicht; sie würden sich freuen und wären fröhlich, wenn sie ein Grab bekämen (Hiob 3,21-22). Ein Aussätziger wird von allen gemieden; die Verwandten sind ihm fremd geworden und die Freunde haben ihn vergessen; alle Getreuen verabscheuen ihn, und die er lieb hatte, haben sich gegen ihn gewandt (Hiob 19,13-l9).

Diesen entsetzlichen Qualen eines Aussätzigen ähnelt der erschreckende Zustand, in dem sich heute unsere teure Heimat, unser leidgeprüftes Russland befindet.

Sein ganzer Körper ist mit Eiterbeulen und Krusten bedeckt, es siecht vor Hunger dahin und blutet infolge nationaler Zwistigkeiten. Und wie bei einem Aussätzigen fallen auch von ihm die Glieder ab - Kleinrussland (Ukraine), Polen, Litauen, Finnland - und bald wird von dem großen und mächtigen Russland nur noch ein Schatten, ein kümmerlicher Name übrig bleiben.

Wie ist das starke Zepter und der herrliche Stab so zerbrochen (Jer 48,17)! Die Fürstin unter den Völkern, die eine Königin unter den Ländern war, muss nun dienen. Sie weint des Nachts, dass ihr die Tränen über die Wangen laufen. Es ist niemand unter all ihren Liebhabern, der sie tröstet (Klagelieder Jeremias, 1,1-2). Und sie ist zum Spott und zum Bild des Schreckens geworden allen, die ringsum wohnen (Jer 48,39)! Ihr habt natürlich zur Kenntnis genommen, dass unsere Verbündeten im Ausland beim Erscheinen von Russen an öffentlichen Stätten eilig hinfortstreben wie vor einer ansteckenden Seuche.

Auch wir distanzieren uns daheim oftmals von denjenigen, die wir bis vor kurzem noch für unsere Beschützer gehalten und auf die wir voller Stolz und Zuversicht geblickt hatten. So geht eine für uns dermaßen betrübliche "Umwertung der Werte" vor sich! Wie können wir nun aus unserer heutigen kummervollen Lage herausgelangen? Immer häufiger hört man vernünftig denkende Leute sagen; "Nur ein Wunder könnte Russland retten." Richtig ist auch, wenn gesagt wird, Gott könne unsere zugrunde gehende Heimat retten. Aber sind wir dieser Göttlichen Gnade auch würdig, verdienen wir es, dass mit uns ein Wunder geschehe?

Aus dem Heiligen Evangelium wissen wir, dass Christus der Erlöser an manchen Orten wegen des Unglaubens der Bewohner nicht viele Zeichen getan hat (Mt 13,58). Andererseits hat der Herr, als er Seinen Jüngern kommende Unbilden - Kriege, Hungersnöte, Erdbeben - prophezeite, gesagt, um der Auserwählten willen würden diese schwere Tage verkürzt (Mt 24,22).

Gibt es, liebe Brüder, unter uns wenigsten ein Paar rechtschaffene Leute, um deretwillen sich der Herr der Völker erbarmt? Das weiß nur Gott allein! Wir aber wollen wie die aussätzigen Männer im Evangelium beten: "Jesu, lieber Meister, erbarme Dich unser (Lk 17,12 - 13). Wenn Du reine Seelen begnadest, so tue es auch mit uns armen Sündern und errette uns, auf dass wir nicht völlig zugrunde gehen."

Quelle: http://www.russische-kirche-l.de/