Ikonenmalerei

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Artikel: Die Kunst des Ikonenmalens

Autor: Erzpriester Chrysostomos Pijnenburg

Geschichtlicher Überblick

Die Kunst des Ikonenmalens lässt sich nicht in Worten vermitteln. Sie muss getan, eingeübt und praktiziert werden, um verstanden zu werden. Was ich Ihnen in diesem Vortrag vermitteln kann, ist nur ein erster Zugang zu dem, was man wissen sollte, bevor man sich dem Malen von Ikonen widmet. Als erstes empfiehlt sich ein Blick auf die Geschichte des Ikonenmalens.

Von der Urkirche bis zur Entscheidung des Bilderstreites

Die Urkirche, die Kirche der Apostel, hatte keinerlei Bilder und auch keine Kirchenräume, die sie hätte mit Bildern schmücken können. Die Verfolgungssituation, die Frontstellung zur heidnischen Welt ließ ihr dafür keine Möglichkeit. Aber mit der Zeit entstand auch in der Kirche das Bedürfnis, Bilder zu haben. Dieses Bedürfnis ergab sich nicht zuletzt aus der Verehrung der Märtyrergräber, über denen Kapellen und Kirchen errichtet wurden, besonders seit der Befreiung der Kirche unter Konstantin. Die Christen pilgerten zu diesen Gräbern der Märtyrer und nahmen gleichsam als Souvenirs Bilder der dort verehrten Heiligen mit. Nun war in der alten Kirche allerdings noch nicht geklärt, ob Christen überhaupt Bilder haben dürfen und ob man diese Bilder auch verehren darf. Es gab Bischöfe und Kirchenväter, die sich vehement gegen die Bilderverehrung aussprachen. Das einfache Volk, das immer Bilder hatte, und später vor allem die Mönche traten für die Bilderverehrung ein. Jedenfalls ist davon auszugehen, dass es auch in der Frühzeit, in der langen Periode, da der Bilderstreit noch nicht entschieden war, Bilder gab. Allerdings haben nur ganz wenige den Bildersturm überdauert. Die ältesten erhaltenen Ikonen sind eine Christusikone aus dem 6. und eine Gottesmutterikone aus dem 5. Jahrhundert. Das 8. Jahrhundert ist das Jahrhundert, in dem der Bilderstreit seinem Höhepunkt und seiner Entscheidung zusteuerte. Der Kampf begann nach 726. Im Jahr 730 wurde ein Verbot der Bilderverehrung erlassen, aber es kam noch zu keinem massiven Vorgehen gegen die Anhänger der Bilderverehrung. Nachdem in der Synode von Hieraia (754) die Verehrung und Darstellung der Bilder der Heiligen in der Kirche offiziell verboten worden war, setzte der Bildersturm mit voller Wucht ein: Alle Bilder wurden zerstört, die Wandmalereien übermalt, und oft wurde mit äußerster Härte gegen die Befürworter der Bilder (vor allem Mönche und Frauen) vorgegangen. Erst nach dem Tod des Kaisers im Jahr 787 bahnte Kaiserin Irene den Weg zur Beilegung des Streites. Es wurde ein Konzil einberufen (7. allgemeines Konzil von Nizäa, 787), das bestimmte, dass Bilder Christi, der Gottesmutter und der Heiligen in der Kirche zugelassen sind und verehrt werden dürfen, ferner dass Bilder, wie im Volksglauben immer schon verankert, auch Wunder wirken können. Gut vierzig Jahre später brach der Streit noch einmal auf. Die Gegner der Bilderverehrung traten noch einmal auf den Plan. Wiederum wurden die Bilder verboten, bis ein Kaiser starb und eine Kaiserin, nämlich Kaiserin Theodora, an die Regierung kam. Sie berief im Jahr 843 eine Versammlung ein, die die Beschlüsse des Konzils von Nizäa (787) für rechtsgültig erklärte und darüber hinaus den ersten Fastensonntag (Sonntag der Orthodoxie) als Feiertag der rechten Verehrung der Ikonen bestimmte.

Ausbildung des Kanons Byzanz als Zentrum

Die theologische Begründung, die der Bilderverehrung gegen das alttestamentliche Bilderverbot zum Durchbruch verholfen hat, wurde von Kirchenvätern wie Johannes von Damaskus (+ vor 754) erarbeitet und entscheidend vertieft: Durch die Menschwerdung Gottes ist die Natur wieder in ihre ursprüngliche Würde eingesetzt. Durch den Sündenfall ist die Schöpfung zerstört, hat der Mensch kein rechtes Bild mehr von Gott und seiner Schöpfung, und daher führt jede Abbildung Gottes oder der Schöpfung zur Abgötterei. Jetzt aber, da durch die Inkarnation die Natur in ihrer ursprünglichen Würde wiederhergestellt ist, ist die Natur (der Mensch) wieder Bild und Gleichnis Gottes. In Jesus Christus begegnet uns das echte und wahre Bild Gottes. Und im Bild Jesu ist Gott anwesend und sichtbar. Daher kann die Kirche von Jesus Christus, dem Gottessohn, der Mensch und Gott zugleich ist, Bilder machen, um in ihnen Gott zu verehren nicht um das Bild anzubeten, sondern um in der Verehrung des Bildes Gott selbst zu verehren! Jesus ist das Bild, die Ikone Gottes, die Heiligen sind die Ikonen Jesu. In ihrem Leben haben sie Christus nachgeeifert. Sie sind auf dem Weg gegangen, den Jesus uns vorgelebt hat. Gott wurde Mensch, auf dass der Mensch Gott wird, Gott ähnlich wird. Weil die Heiligen diese Gottähnlichkeit erreicht haben und so ihrerseits Abbilder des Göttlichen sind, sind auch sie darstellbar. Die Ikone ist also immer Bild des Göttlichen. Es geht um die Verehrung des hinter dem Materiellen verborgenen göttlichen Geheimnisses. Wenn wir einem heiligmäßigen Menschen begegnen, strahlt auch sein Antlitz etwas von dieser Heiligkeit aus. Genau diesen Abglanz der Heiligkeit versucht der Ikonenmaler mit den Techniken und Materialien, die ihm zur Verfügung stehen, darzustellen. In der Ikone soll etwas von dem göttlichen Geheimnis aufleuchten, das der Mensch als Gottes Bild und Gleichnis in sich trägt. Der Westen, dem diese spezifisch griechische Fragestellung und die im Osten gepflogene Bilderverehrung immer fremd geblieben sind, lehnte den Beschluss des Konzils von Nizäa ab. Die von Karl dem Großen bestellten Theologen, die sich mit den betreffenden Texten befassten und sie übersetzten, nahmen in den sogenannten karolingischen Büchern (Libri Carolini) gegen die Bilderverehrung Stellung. Da heißt es etwa, dass die Bilder nur zur Belehrung der Ungebildeten dienen und zum Schmuck der Kirche. Von der Anwesenheit des Göttlichen in dieser Welt ist nicht die Rede. Diese Position ist zwar später auch im Westen abgeschwächt worden, nämlich auf der Lateransynode von 863 n. Chr., wo man sich zur Legitimität der Bilderverehrung bekannte. Aber die Bilderverehrung erhielt nie jenen Stellenwert, den sie im Osten hat, oder jene zentrale Funktion, die ihr in der Liturgie der Orthodoxen Kirche zukommt. Das gilt auch für das mittelalterliche Abendland. Für den hl. Thomas von Aquin z. B. sind die Bilder dazu da, die Andacht zu fördern, uns an das Beispiel der Heiligen zu erinnern und Unwissende zu belehren.

Nachdem das Konzil von Nizäa (787) und später das Konzil von Konstantinopel (843) die Bilderverehrung erlaubt hatten, entwickelte sich im byzantinischen Bereich die Ikonenmalerei in der Form, wie wir sie heute kennen. Wir haben eingangs von der Kunst des Ikonenmalens gesprochen. Dieser Begriff ist irreführend und geht am Wesen der Sache vorbei. Ikonenmalerei ist keine Kunst, jedenfalls nicht Kunst in dem Sinne, wie im Westen Kunst verstanden wird. Und der Maler ist auch kein Künstler. Wenn ein Ikonenmaler "Künstler" ist, hat er nichts von Ikonen verstanden. In der Ikonenmalerei geht es ja nicht darum, dass ich das male, was ich empfinde, was ich schön finde usw., sondern es geht darum, die Wortverkündigung der Kirche mit dem Bild zu unterstreichen. Ja mehr noch! Es sollen die göttlichen Heilstaten, Christus selbst, die Gottesmutter und die Heiligen durch die Bilder als real gegenwärtig erfahren werden. Wie im orthodoxen Gottesdienst der Himmel real präsent und somit den menschlichen Sinnen zugänglich ist, so ist das Himmlische auch im Bild anwesend.

Vor allem in Byzanz selbst, dem Zentrum der Macht und der Kunst, wurde diese Art der Malerei gepflegt. Mit der Zeit entstand ein Kanon, also eine Richtschnur, wie man die Bilder zu malen hat. In dem Maß, in dem das persönliche Empfinden des Malers in den Hintergrund tritt, gewinnt das Wissen um Kanon und Typos des Darzustellenden an Gewicht. So erhält jeder Heilige charakteristische persönliche Züge, an denen er sofort erkenntlich ist. Es wurde eine Bildersprache festgelegt, an die der Maler in seinem künstlerischen Bemühen gebunden ist und die für jedermann lesbar und verständlich ist. Das heißt nun nicht, dass die Maler nur Kopisten sind. Die Ausführung der festgeschriebenen Bildersprache, die konkrete Gestaltung der Ikonen etwa in den Farbnuancen bleibt dem Maler vorbehalten. Dadurch dass in der Orthodoxie eine göttliche Wirklichkeit im menschlichen Antlitz dargestellt wird, die Persönlichkeit des Heiligen zwar idealisiert, vergeistigt erscheint, aber immer in den unverwechselbaren menschlichen Zügen, braucht die Ikonenmalerei keine Attribute zur Kennzeichnung des Heiligen. Anders in der christlich-abendländischen Kunst, wo nur an den Attributen erkennbar wird, um welchen Heiligen es sich handelt. Weil in der Ikonenmalerei nicht einfach kopiert wird, sondern jeder Maler auch seine persönliche Note einzubringen versucht und in seiner Art je nach Temperament, Talent, Farbgefühl und Zeitgeschmack malt, gibt es auch die Möglichkeit der Datierung und Zuordnung einer Ikone zu einer bestimmten Epoche (frühbyzantinisch, spätbyzantinisch usw.) oder einer bestimmten Kirchenprovinz (griechisch, aus dem Balkan, russisch usw.).> Von Byzanz nach Moskau Ikonenmalerei in Russland

Im Zuge der Missionierung gelangte von Byzanz aus die Bilderverehrung über den Balkan auch nach Russland. Die ersten Ikonenmaler kamen mit den Missionaren, Bischöfen und Priestern, um in Russland Kirchen zu bauen und künstlerisch auszustatten. Sie waren ausnahmslos Griechen. Einer der ersten bekannten Ikonenmaler, die aus Russland selbst stammten, war der hl. Alimpij (+ 1114). Er lebte im Kiever Höhlenkloster. Leider ist uns von ihm nichts erhalten geblieben. Aus literarischen Quellen wissen wir, dass er damals schon sehr berühmt war. Von ihm wie auch von Feofan Grek, von dem gleich noch die Rede sein wird, hat man auch gesagt, dass er alles "auswendig" gemalt hat. D.h. er stand ganz und gar in der Tradition, sodass er "auswendig" wusste, wie ein Heiliger oder ein Feiertag zu malen wäre. Aber er hat es in seiner Art gemalt. Der nächste große Ikonenmaler in Russland war Feofan Grek (Theophanes der Grieche). Zunächst wirkte er in Byzanz, wo er Ikonen und Fresken geschaffen hat, die zum Teil noch erhalten sind. Im Jahre 1378 zog er nach Novgorod und widmete sich dann in Russland dem Malen von Ikonen und Fresken sowie der Buchmalerei. Er starb zwischen 1405 und 1415. War er als Grieche noch stark der griechischen Malkunst verpflichtet, so kann der hl. Andrej Rublev (um 13601430) als Vater der russischen Ikonenmalerei gelten. Unter dem Einfluss des hl. Sergius von Radonez, in dessen Klostergründung in Sergiev Posad (Kloster der hl. Dreifaltigkeit, ehemals Zagorsk) er als Mönch lebte, hat er die Ikonenmalerei gewissermaßen russifiziert. Er hielt sich genaustens an den Kanon, aber seine Farben waren wesentlich weicher, seine Zeichnung rhythmischer, feiner und viel empfindsamer im Auftragen der Farben, als es je in der griechischen Malerei der Fall gewesen war. Der hl. Andrej Rublev ist bekannt durch die Ikone der hl. Dreifaltigkeit. Jeder, der sich für Ikonen interessiert, kennt diese Ikone. Rublev hat sie zum Andenken an den hl. Sergius von Radonez gemalt, und zwar im Auftrag seines Nachfolgers, des hl. Abtes Nikon. Nach Andrej Rublev verdienen noch die Arbeiten aus der Werkstatt des Dionisij (1440 - 1500) besondere Beachtung. Er war verheiratet und hat mit Gehilfen und seinen Söhnen Ikonen gemalt.

Damit sind die großen russischen Meister genannt, an denen sich der Ikonenmaler, der egal ob in Russland oder anderswo in der russischen Maltechnik malt, bis auf den heutigen Tag orientiert. Im russischen Bereich entwickeln sich in den politischen, religiösen und wirtschaftlichen Zentren verschiedene Malschulen: die Moskauer Schule am Hof des Moskauer Metropoliten, die Novgoroder Schule, die Jaroslavler Schule und viele andere, die hier nicht weiter interessieren. Bis ins 17. Jahrhundert ist eine gewisse Verflachung und Stagnation zu beobachten. Erst im Jahre 1626 wurde in Russland wieder ein Ikonenmaler geboren, der mit seinen Brüdern eine Neubelebung der russischen Ikonenmalerei versuchte: Simon Usakov. Allerdings bedeutete seine Anlehnung an westliche Traditionen zugleich das Ende der Ikonenmalerei im klassischen Sinn. Nur bei den sogenannten Altgläubigen, die sich unter dem Protopopen Avvakum (1620 - 1682) aus Protest gegen die von Nikon (Patriarch von Moskau 1652 - 1666), angestrebte Revision der Riten von der offiziellen russischen Kirche ab spalteten, blieb die alte Maltechnik erhalten. Ihrer Treue zum Althergebrachten haben wir es zu verdanken, dass das Wissen um die alten Traditionen (Maltechniken und Malbücher) nicht verloren gegangen ist. Es ist aber auch ihnen nicht gelungen, wieder Leben in die Ikonenmalerei zu bringen. Zu eng war die Anlehnung an die vorgeschriebenen Muster, als dass davon echte Impulse für die Kunst des Ikonenmalens in Russland ausgehen konnten.


Das "Schreiben" der Ikonen

Komponenten, Techniken, Fertigungsschritte

Ikonen werden nicht gemalt, Ikonen werden geschrieben. Mit dem Begriff "Malen" verbindet sich eine Tätigkeit, in der der Maler seine Künstlerpersönlichkeit in das Kunstwerk hineinlegt, z.B. beim Malen einer Landschaft. Das ist beim "Malen" der Ikonen nicht der Fall. Ikonenmaler bleiben anonym. Ikonen werden nicht signiert, auch bei den alten Meistern nicht. Wenn wir vom Malen der Ikonen reden, dann nur im Sinne eines Zugeständnisses an unseren Sprachgebrauch. Richtiger und angemessener wäre es, vom "Schreiben" der Ikonen zu reden.

Um Ikonen malen zu können, ist es sehr wichtig, dass man sich auf die Tradition der Kirche einlässt, die überlieferten Formen studiert, die Bildersprache versteht und in der Frömmigkeit der orthodoxen Kirche zu Hause ist. Denn nur aus diesem Geist, aus dieser Mentalität, aus dieser Frömmigkeit heraus können neue Bilder entstehen, Bilder, die mehr sind als bloße Kopien, Bilder, die freilich nicht „neu" sind im westlichen Sinn, sondern von innen heraus neu empfunden. Der Ikonenmaler muss wissen, worauf es bei einer bestimmten Ikone ankommt, wie z.B. das Antlitz eines Heiligen, eines Bischofs oder eines Laien darzustellen ist, und zugleich muss er versuchen, im Rahmen des vorgegebenen Kanons aus der orthodoxen Spiritualität heraus Neues zu gestalten, wobei dieses Neue naturgemäß korrespondiert mit dem Empfinden seiner Zeit. Als Mensch des 20. Jahrhunderts hat er ein anderes Farbgefühl, bevorzugt er klarere und einfachere Linien als die Menschen des Mittelalters. Und doch gilt gerade auch für ihn, dass all sein Bemühen aus der Spiritualität, der Gebetstradition und dem liturgischen Leben der orthodoxen Kirche kommen muss, will er nicht beim bloßen Kopieren von Bildern aus dem 14., 15. oder 16. Jahrhundert stehen bleiben.

Maltechnik

Ikonen werden zumeist auf Holz in Tempera gemalt. Das heißt nicht, dass es nicht auch andere Techniken gibt. Es gibt geschnitzte Ikonen, allerdings nur im Flachrelief, nicht in Hochrelief. Es gibt Ikonen, die aus Metall gegossen sind. Aber auch sie sind immer nur im Halbrelief ausgeführt. Standbilder und Statuen sind in der Orthodoxie unbekannt. Flachreliefs finden sich vereinzelt in Russland. Das Bild ist Medium zur Darstellung des Überirdischen, ein allzu irdisch-materieller Ausdruck, wie er von plastisch ausgeführten Schnitzereien vermittelt wird, widerspricht dieser Intention. In aller Regel handelt es sich bei Ikonen also um bemalte Holztäfelchen. Meistens wird Lindenholz oder eine andere harzfreie Holzart genommen. Die Tafel wird zunächst ausgehöhlt und eingetieft. Dadurch wird erreicht, dass das Bild zurücktritt, gleichsam ungreifbar wird. Es wird etwas dargestellt, was nicht in den Bereich des Irdischen gehört! Diese Holztafel wird vorne aufgerauht, und die Malfläche ursprünglich mit Leinen, in späterer Zeit auch mit Papier überklebt. Darauf kommen mehrere Kreideschichten mit Knochenleim vermischt. Zuletzt wird die Fläche geschliffen, so dass ein glatt polierter weißer Grund entsteht. Der Anfänger und Schüler, der gehalten ist, Maltechnik und Darstellungsart erst noch zu erlernen, wird eine möglichst genau Kopie seiner Vorlage erstellen. Der Meister zeichnet eine Ikone freihändig ohne Vorlage auf das Brett.

Bildhintergrund

Der Hintergrund wird vergoldet. Bei alten Ikonen kennt man nur Blattvergoldung mit faulem Eiweiß. Im 19. Jahrhundert und nur im 19. Jahrhundert kommt auch Hochglanzvergoldung vor. Mit dieser Technik wollte man die sehr teuer gewordenen Metallplatten imitieren. Aber das gehört eigentlich nicht mehr zur Ikonenmalerei, weil das Gold zu brutal ist und allzu sehr von der eigentlichen Darstellung ablenkt. Die Vergoldung soll sehr ruhig sein und soll in den Hintergrund treten. Und dann wird die Zeichnung in seinen dunkelsten Farben ausgefüllt, d.h. alle Farben werden aufgetragen, aber zunächst in den dunkelsten Farbtönen, und zwar sehr dünn und vom Unwesentlichen zum Wesentlichen fortschreitend, also vom Hintergrund, den Bergen, Gebäuden, Gewändern, Füßen, Händen zum Gesicht. Schließlich werden die Farben schichtweise aufgehellt, bis zum hellen Licht. Der Ikonenmaler versucht, in seinem Bild das Tabor-Licht, die Verklärung Christi auf dem Berge Tabor, in den heiligen Geschehnissen und in den Heiligengestalten darzustellen: Von Dunkel nach Hell, von der bloßen Materie zum göttlichen Glanz, vom Sündenfall zur Erlösung.

Wenn das Bild fertig ist, lässt er die Ikone ein Jahr lang ruhen. Nach einem Jahr sind die chemischen Prozesse abgeschlossen. Dann wird die Ikone mit Leinöl eingegossen, d. h. mit Firnis überzogen. Man wartet, bis diese Firnisschicht anfängt, dick zu werden. Wenn es soweit ist, wird sie abgenommen, und eine feine Ölschicht bleibt stehen, die der Ikone ihre Tiefenwirkung und ihre Durchsichtigkeit gibt. Ohne diese Umwandlung der Eitempera (der mit Eidotter vermischten und dünn aufgetragenen Farbpigmente) in Ölmalerei würden die Farben mit der Austrocknung ihre ursprüngliche Leuchtkraft verlieren und stumpf und unansehnlich bleiben.

Farben

Den Farben kommt in der Ikonenmalerei eine besondere Bedeutung zu. Der Hintergrund ist meistens Gold, bei den alten Ikonen fast immer Gold, weil Gold das absolute, ungeschaffene göttliche Licht verkörpert. Die Ikone ist eine Darstellung des Irdischen auf göttlichem Hintergrund, deshalb wird der ganze Hintergrund vergoldet. Weiß gilt als Farbe des Lichtes, Blau und Grün als Farben der Schöpfung, Purpur und Dunkelrot als Farben des Göttlichen, helleres Rot als Farbe der Märtyrer. Aber bei der Anwendung dieses Farbkanons ist Vorsicht geboten. Man kann z.B. nicht so einfach vom purpurnen Gewand eines Apostels auf seine "Göttlichkeit" schließen. Auch ist zu beachten, dass bestimmte Farben wohl auf bestimmte Sachbezüge hin festgelegt sind, die Wahl der Farbnuancen aber Sache des Malers ist. Eine Christusikone z.B. wird immer, in Purpur und Blau gemalt, aber der Maler selber ist vollkommen frei, das Blau und den Farbton des Purpurs zu bestimmen, genauso wie er auch in der Gestaltung der Faltenwürfe frei ist.

Perspektive

Ikonen haben keine Perspektive. Das kommt nicht daher, dass die Byzantiner die Perspektive nicht kannten, sondern aus der Einsicht, dass die Perspektive für eine Ikone unbrauchbar ist. Ein normales Bild hat einen Fluchtpunkt, eine Stelle im Horizont, wo alle Linien zusammenkommen. Die Ikone, die das Irdische so darstellt, dass es durchscheinend wird auf das Göttliche und Unendliche hin, kann einen solchen im Bild und damit in der Endlichkeit festzumachenden Fluchtpunkt nicht brauchen. In der Ikone wird die Perspektive umgedreht. Der Fluchtpunkt liegt im Betrachter vor dem Bild, und das Bild selbst weist in die Unendlichkeit. Daher wird man, wenn man vor einer gut gemalten Ikone steht, feststellen, dass Tische, Stühle, Gebäude nicht "stimmen", dass die Perspektive also verkehrt ist. Sie läuft auf den Betrachter zu, aber nun auch wieder nicht so, dass man "den" Fluchtpunkt mathematisch berechnen könnte. Denn meistens gibt es mehrere solche Fluchtpunkte, vier, fünf und mehr, je nachdem, was auf der Ikone dargestellt wird.

Liturgisch-sakramentale Funktion

Insofern für den orthodoxen Christen in der Ikone das Göttliche sichtbar und real anwesend ist, ist von einer liturgisch-sakramentalen Funktion der Ikonen zu sprechen. Wenn man den Gottesdienstraum einer orthodoxen Kirche betritt, steht man vor einer Bilderwand, der Ikonostase, die Altarraum und Kirchenschiff "trennt". In Wirklichkeit ist ihre Funktion nicht die einer "Trennung", sondern sie ist da, um den Gläubigen das Geschehen zu erschließen, das sich in der heiligen Liturgie vollzieht. Im Altarraum das ist nach orthodoxem Verständnis "der Altar", während der Altartisch "Thron Gottes" heißt ist der gesamte Himmel, das himmlische Jerusalem mit allen Engeln und Heiligen anwesend, und die Ikonostase ermöglicht den Gläubigen, diese Anwesenheit des Himmels mit ihren Sinnen wahrzunehmen. Sie sehen Christus, die Engel und Heiligen und wissen so, dass sie da sind. Sie bringen das dadurch zum Ausdruck, dass sie die Heiligen in den Bildern begrüßen und verehren. Was für die Ikonen der Ikonostase gilt, gilt auch für die Ikonen, die auf den Pulten liegen. Wenn die Gläubigen in die Kirche kommen, gehen sie zuerst zu den Ikonenpulten und verehren die dort liegenden Ikonen, indem sie sie küssen, ihre Kerzen aufstellen und ihre Gebete dort sprechen. Auch zu Hause haben die Gläubigen eine Ecke, die sogenannte schöne Ecke, wo sie ihre Ikonen aufhängen, wo sie morgens beim Aufstehen, vor und nach dem Essen, vor allem aber abends ihre Gebete verrichten. Ob in der Kirche oder zu Hause, die Ikone steht im Zentrum des religiösen Lebens. In den Ikonen hat der Gläubige ein "Stück" Kirche bei sich zu Hause, wie denn auch das religiöse Leben nicht bei der Kirchentür aufhört, sondern in den Alltag hineinreicht.

Beschriftung und Weihe

Wenn die Ikonen fertig sind, werden sie geweiht. Ursprünglich gab es für die Ikonen keine Weihe. Sie wurden geheiligt und "geweiht", indem sie von auserwählten heiligmäßigen Menschen, die sie unter Fasten und Gebet gemalt hatten, beschriftet wurden. Es kam aber die Zeit, da auch weniger heiligmäßige Persönlichkeiten Ikonen malten. In weiterer Folge entwickelte sich eine ganze Industrie der Ikonenmalerei. Es gibt Malerdörfer und Ateliers, wo bis zu 50.000 Ikonen pro Jahr "produziert" werden! dass unter diesen Umständen vom ursprünglichen spirituellen Umfeld der Ikonenmalerei fast nichts mehr übrig bleibt, ist klar. Die Kirche reagierte auf die neue Situation mit der Einführung der Ikonenweihe. Sie verlangt, dass die Bilder noch einmal zur Begutachtung in die Kirche gebracht werden und dass das, was bei der Fertigung an Weihe und Heiligung versäumt wurde, in der Kirche nachgeholt wird. Diese Weihe wird durch Beräuchern, Gebet und Besprengung mit Weihwasser vollzogen. Im Idealfall sollte die Ikone vierzig Tage auf dem Altartisch liegen bleiben, um den Gläubigen klarzumachen, dass der Altar das Zentrum des religiösen Lebens ist und dass alles, was uns heilig ist und in unserem Leben an die Heiligkeit Gottes erinnert, ob Sakramente oder Werke der Frömmigkeit, ob heilige Geräte oder eben heilige Bilder, uns von diesem Zentrum her zukommt. Nach vierzig Tagen nimmt der Gläubige dann die Ikone mit nach Hause, um auch dort etwas zu haben, was ihn an die Gegenwart Gottes erinnert.

Quelle und Copyright

Erzpriester Chrysostomus Pijnenburg;
Nikolsobor.org