Butterwoche

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Máslenitsa – Vorbotin der Fastenzeit

von Erzpriester Michael Rahr

Die Heilige Kirche bereitet ihre Gläubigen schon vier Wochen vor dem Beginn des Großen Fastens auf diese besondere Zeit vor. Die letzte Vorbereitungswoche wird im Volksmund „Máslenitsa“ „ (=Butterwoche) genannt, weil nach dem Sonntag des Fleischverzichts Milch- und Eierprodukte erlaubt sind, und zwar auch am Mittwoch und Freitag, welche sonst das ganze Jahr über ebenfalls als Fastentage in der Orthodoxen Kirche gelten. Ebenfalls erlaubt sind Fisch und Wein (unter letztere Kategorie fallen alle alkoholischen Getränke, also auch Wodka), die während der Fastenzeit nicht erlaubt sind. Nur auf Fleisch, Wurst und Gefügel wird schon eine Woche vor Beginn der eigentlichen Fastenzeit verzichtet. Ferner werden keine Hochzeiten mehr in der Vorwoche der Großen Fastenzeit gefeiert.

Die Máslenitsa wird oftmals fälschlicherweise als orthodoxes Pendant zum westlichen Karneval angesehen. Dabei liegt der Sinn der „Butterwoche“ gerade nicht in Schlemmerei und Ausgelassenheit vor Beginn der Fastenzeit, sondern in der allmählichen Abgewöhnung von schmackhaften und üppigen Speisen sowie im angenehmen, von leidvollen Begleiterscheinungen befreiten Übergang zur Enthaltsamkeit. Der hl. Tichon von Zadonsk (+1783) nennt diese Vorbereitungswoche „Vortür und Beginn des Fastens“ und ermahnt alle rechtgläubigen Christen, diese Woche besinnlich und bußfertig zu begehen, anstatt durch Schlemmerorgien in die Zeit des Heidentums zurückzufallen. Wer diese Zeit der kirchlichen Enthaltsamkeit in Völlerei verbringt, verweigert seiner Mutter-Kirche den Gehorsam und entfernt sich somit von Christus. Der hl. Tichon beklagt diese Uneinsichtigkeit vieler seiner Zeitgenossen: „Sie (die Kirche) vermacht uns in diesen Tagen verstärkt andächtig zu sein – diese jedoch verfallen noch mehr der Zügellosigkeit; sie gebietet Enthaltsamkeit – diese jedoch frönen der Ausschweifung; sie befiehlt Leib und Seele zu reinigen – diese jedoch schänden sie noch mehr; sie verlangt Reue für begangene Sünden – diese jedoch vermehren nur ihre Gesetzlosigkeit; sie ermahnt dazu, Gott zu besänftigen – diese jedoch zürnen den Allerhöchsten; sie legt das Fasten auf – diese jedoch geben sich der Fress- und Trunksucht hin; sie bietet die Buße an – diese jedoch toben in verstärktem Maße herum“.

Am deutlichsten wird die strenge, aber liebevolle Fürsorge der Heiligen Kirche um das Seelenheil ihrer Kinder in den Gottesdiensten ausgedrückt: Erstmals wird das Gebet des hl. Ephrem des Syrers (+373-379), das den orthodoxen Christen die ganze Fastenzeit über zu Hause und in der Kirche begleitet, am Mittwoch und am Freitag der Máslenitsa gelesen:

„Herr und Gebieter meines Lebens, verleih mir nicht den Geist des Müßiggangs, des Verzagens, der Herrschsucht und der Geschwätzigkeit!
Verleih mir, Deinem Knecht, vielmehr den Geist der Keuschheit, der Demütigkeit, der Duldsamkeit und der Liebe!
Ja, Herr und König, gewähre mir, meine Verfehlungen zu sehen, und nicht meinen Bruder zu verurteilen, denn Du bist gelobt in alle Ewigkeit. Amen.“

Bei den Russen ist es gebräuchlich, während der Máslenitsa Bliný (russische Eier- bzw. Pfannkuchen) zu essen. Als „Beilagen“ verwendet man üblicherweise Fisch (vorzugsweise Heringshappen) oder Kaviar, Schmand, alle Sorten von Käse, Quark sowie Eierwürfel in geschmolzener Butter. Zum Dessert gibt es milch- und eierhaltige Süßspeisen. Selbstverständlich darf bei solch reichhaltiger Nahrung der Wodka nicht fehlen. Dies ist die Zeit, wo man durchaus noch in geselliger Runde miteinander speisen darf – nur ohne Exzesse. Selbst in den strengsten Klöstern und Einsiedeleien aus frühchristlicher Zeit speiste man in der Vorbereitungswoche gemeinsam, bat sich gegenseitig um Vergebung und entfernte sich für die Zeit des Großen Fastens in die Wüste oder verbrachte diese vierzig Tage in Klausur. Im Alten Russland wurden mit Beginn der eigentlichen Fastenzeit alle öffentlichen Vergnügungen eingestellt und erst wieder nach Ostern wieder aufgenommen.

Bei aller Liebe zu Tradition und Brauchtum, hat diese Woche nichts mit Folklore zu tun. Für den Christen ist diese Woche, dem Handbuch des orthodoxen Geistlichen zufolge, einzig und allein „leuchtender Vorweg der Fastenzeit“ und „Beginn der frommen Ergriffenheit und der Buße“.