Anfang des Markusevangeliums

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Johannes R. Nothhaas: Der Anfang des Markusevangeliums

„Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus“. Markus beginnt mit einer christlichen Wortschöpfung: „Evangelium“, d.h. frohe Botschaft. Ihr Inhalt ist, dass der Zorn Gottes, unter dem die Welt stand, überraschenderweise aufgehoben ist. Gott begegnet der Welt mit Gnade und väterlicher Liebe. Inhalt dieser alles wandelnden Botschaft ist keine Lehre, keine Summe von Satzungen, sondern eine Person: Jesus Christus –, dem Christus, d.h. von dem Gesalbten, dem Messias, von dem Israel schon seit Jahrhunderten durch die Propheten gehört, und auf den es seitdem gewartet hat. Er ist der erwartete König, der ein neues Königreich in Israel aufrichten wird. Eine neue Zeit ist mit ihm angebrochen.

Wie kann der Evangelist dies seinem Volk über den Mann, der aus unscheinbaren Verhältnissen kommt, deutlich machen? - Der Evangelist knüpft an die grandiose Ankündigung des Propheten Jesaja an die Israeliten in der babylonischen Gefangenschaft an. Es ist dies die Botschaft von einer letzten Welttheophanie Gottes. Vor allen Völkern wird er seine Herrlichkeit offenbaren. Sein Werkzeug ist der persische König Kyros, der den Israeliten die Rückkehr in ihr Land ermöglichen wird. Als Weltherrscher vollstreckt jetzt Kyros den Willen Gottes. Aber der eigentliche Gegenstand der weltweiten Geschichtsplanung Gottes ist und bleibt Israel. Seinetwegen durfte dieser den König Babylon besiegen, um nun die Verbannten in ihre Heimat ziehen zu lassen.

Das Wort „Evangelium“ knüpft an die Botschaft des Propheten an, die mit den Worten Gottes an die Gefangenen beginnt: „Tröstet, tröstet mein Volk“. Gott erbarmt sich seines Volkes Israel (Jes. 40,1), will der Prophet sagen. Es folgt die großartige Vision von dem triumphalen Auszug Israels wiederum durch die Wüste in seine Freiheit. Aber diesmal in noch hinreißenderer Form als beim Auszug aus Ägypten. Der Prophet hört den Aufruf Gottes an die Engel: „Bereitet dem Herrn den Weg ...“ ER mit all Seinen Engeln will wiederum mit Seinem Volk durch die Wüste ziehen. Ein neuer Exodus durch die Wüste. Die dienstbaren Geister sollen vorwegziehen und den Weg bereiten. Die hohen Gebirgszüge und tiefen Schluchten des Antilibanon sind als Hindernisse auf dem Weg zurück nach Jerusalem zu überwinden. Und da lautet der Befehl Gottes an seine Engel: „Bereitet dem Herrn den Weg, macht auf dem Gefilde einen ebene Bahn unserem Gott!“. Die Engel sollen daherfahren, die Berge einreißen und die Schluchten des Libanongebirges zuschütten, damit Israel wie in einer Triumphprozession in seine Heimat einziehen kann: „Alle Täler sollen aufgefüllt und alle Berge und Hügel sollen abgetragen werden. Was ungleich ist, soll eben und was höckerig ist soll schlicht werden; denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden“ (Jes. 40, 4 f.). Auf diesen grandiosen, neuen Exodus Israels in seiner Geschichte spielt der Evangelist an, wenn er von der Stimme des Predigers in der Wüste und seiner Botschaft redet. Und dieser Prophet in der Wüste in der Zeit der damaligen römischen Besatzung und der inneren Zerrissenheit Israels wird sogleich identifiziert. Es ist Johannes der Täufer, der zur Buße ruft, zur Reinigung von aller Sünde durch sein Taufbad. Zu ihm kommen alle, auch die Frommen.

Warum diese Reinigung und Neuorientierung auf Gott? - Weil es jetzt kurz davor ist, dass Gott wiederum seinem Volk in menschlich gesehen aussichtsloser Lage zu Hilfe kommt, es heimsucht, bei ihm Einzug halten will. Ihn kündigt Johannes an: „Es kommt einer nach mir, der ist stärker als ich; und ich bin nicht wert, dass ich mich vor ihm bücke und die Riemen seiner Schuhe löse. Ich taufe euch mit Wasser; er aber wird euch mit dem heiligen Geist taufen“ (Mk 1,7f.). Der Geist Gottes ist mit ihm, den er den Menschen vermittelt. Wer kann dies anders sein als der lang ersehnte, endzeitlich erwartete Messias, der Erlöser Israels.

Wer diese Botschaft Johannes des Täufers recht verstehen will, muss den Propheten Jesaja in der Babylonischen Gefangenschaft mit seiner Botschaft gelesen haben. Da geht es nämlich nicht nur um die Befreiung Israels aus seinem Exil. Der Prophet kündet etwas ganz Neues an. Er stellt nämlich das Heilshandeln Gottes nicht nur im Blick auf das Volk Israel, sondern auch auf die anderen Völker dar. D.h., wie sich das Handeln Gottes an Israel auch auf die Völkerwelt auswirkt. Wenn der Herr sein Werk an Israel ausrichtet, dann wird sich bei den Völkern eine universale Götzendämmerung einstellen. Denn die Heiden werden die Ohnmacht ihrer Götter erkennen: „Aber die sich auf Götzen verlassen und sprechen zum gegossenen Bilde: ‚Ihr seid unsre Götter!’ die sollen zurückkehren und zu Schanden werden“ (Jes. 42,17). Israel wird für die Völker zum Zeugen dessen, den sie wahrnehmen und auf den sie selber zugehen. Sie werden zu Israel kommen mit dem Bekenntnis: „Nur bei dir ist Gott und nirgends sonst, keine Gottheit außerdem“ (Jes. 45,14). – Diese Voraussage des Propheten ist in der Geschichte tatsächlich auch eingetreten. Es gab eine Hinwendung vieler Menschen aus den anderen Völkern zu dem Gott Israels und in vielen Städten um das Mittelmeer entstanden Synagogengemeinden mit gläubigen Nichtjuden.

Auffällig ist in der Verkündigung des Propheten die rätselhafte Gestalt des Gottesknechtes, der in hymnischen Liedern wie ein Vasallenkönig von Gott vorgestellt wird. Von ihm heißt es im ersten liedartigen Abschnitt „Er wird die Wahrheit zu den Völkern bringen“ (Jes. 42,1-4).

Im zweiten Lied spricht Gott zu seinem Volk: “Ich mache dich zum Licht der Völker, dass mein Heil gehe bis ans Ende der Erde“ (Jes. 49,6)

Im dritten Gottesknechtlied Jesajas heißt es von dem Gottesknecht, dass er geschlagen und verspottet wird, und er sagt: „Aber der Herr hilft mir“ (Jes. 50,4-11a).

Ganz besonders tiefgründig aber ist das vierte Lied über den Gottesknecht. Es steht mit seiner Aussage analogielos im Alten Testament. Die Präsentation des Knechtes vor den Königen der Welt und seine spezifischen Inhalte übertreffen alle bisherige Prophetie. Seine Komposition ist einzigartig. Es beginnt mit einem Blick in die Zukunft, wenn die Völkerwelt dessen gerade inne wird, wer der ist, den sie vorher als den verachtetsten unter den Menschen angesehen haben. Der Knecht nimmt, indem er mit Leiden überhäuft wird, eine Stellvertretung und einen Mittlerdienst zwischen Gott und der Welt auf sich. „Er wird die vielen gerecht machen“ (Jes. 53).

Diese Botschaft Jesajas mit ihrer universalen Dimension und der Gestalt des Gottesknechtes nimmt Markus auf. Er lässt die bevorstehende Erfüllung durch „die Stimme in der Wüste“, den Täufer ankündigen. Gott ist in Jesus Christus eingetreten in die Geschichte nicht nur Israels, sondern der ganzen Menschheit.

Erstveröffentlichung und Urheberrecht

Priester Johannes R. Nothhaas, Orthodoxe Gemeinde des Hl. Christophorus, Mainz. Bei Fragen an den Autor zum Artikel und dem orthodoxen Glauben: nothhaas@googlemail.com.
Der Artikel als Faltblatt: Datei:Der Anfang des Mk.ev..doc