Diözese für Mitteleuropa der Serbischen Orthodoxen Kirche

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Ein Beispiel gelungener Integration: Die serbische orthodoxe Diözese von Mitteleuropa

Von Armin Laschet*

Ich freue mich, heute gemeinsam mit Ihnen das 40-jährige Bestehen der Serbisch-Orthodoxen Diözese Mitteleuropas feiern zu dürfen. Es ist eine besondere Ehre für das Land Nordrhein-Westfalen, dass dieser Festakt hier in Düsseldorf stattfindet und nicht in Hildesheim-Himmelsthür, wo Bischof Konstantin seinen Sitz hat. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass Düsseldorf in den siebziger Jahren eine zeitlang Bischofssitz war, bevor dieser nach Hildesheim verlegt wurde. Ebenso bedeutsam ist aber sicher auch, dass der größte Teil der rund 150.000 serbisch-orthodoxen Christen, die in Deutschland leben, in Nordrhein-Westfalen zuhause sind. Allein zur Düsseldorfer Gemeinde gehören etwa 30.000 Gläubige.

In diesem Jahr feiern wir nicht nur das 40-jährige Bestehen der serbisch-orthodoxen Diözese für Mitteleuropa, sondern noch ein zweites wichtiges Jubiläum: 1969 – im selben Jahr, in dem auch die Diözese für Mitteleuropa gegründet wurde – trat das Anwerbeabkommen in Kraft, das die Bundesrepublik Deutschland mit der damaligen Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien abgeschlossen hatte. Das war am 4. Februar 1969. In der Folge stieg die Zahl der Jugoslawen in Deutschland zwischen 1969 und 1991 von etwa 330.000 auf rund 775.000. Die meisten kamen als so genannte „Gastarbeiter“ und als deren Familienangehörige nach Deutschland, darunter viele Serben. Viele von ihnen haben in Nordrhein-Westfalen Arbeit gefunden und später auch ein neues Zuhause. Heute leben in Deutschland rund 1,2 Millionen Menschen (Quelle: Mikrozensus 2007), die selbst oder deren Familien Wurzeln in den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens haben. Rund 390.000 von ihnen haben serbische Wurzeln. Was die damaligen Gastarbeiter aus Jugoslawien besonders auszeichnete, war ihr überdurchschnittlich hohes Ausbildungsniveau. Viele von ihnen waren bereits gut ausgebildet, als sie nach Deutschland kamen. Das war nicht bei allen Gruppen von „Gastarbeitern“ der Fall. Deshalb fiel es den jugoslawienstämmigen Zuwanderern auch leichter, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren und beruflich und sozial aufzusteigen. Heute sind Männer und Frauen mit einer serbischen Zuwanderungsgeschichte erfolgreiche Facharbeiter und Unternehmer, Geschäftsführer und Hochschullehrer. Auf das, was Sie geleistet haben, können Sie stolz sein! Sie stellen eine Bereicherung für unser Land dar, über die wir uns sehr freuen! Die Deutschen sind Ihnen dankbar dafür, dass Sie durch Fleiß und Können zum Wohlstand des Landes beigetragen haben. Das sage ich besonders denen, die vor vierzig Jahren als „Gastarbeiter“ gekommen sind und nun in den wohlverdienten Ruhestand gehen und ihren Lebensabend in Deutschland verbringen.

Das hohe Ausbildungsniveau der älteren Zuwanderer ist auch Rückenwind dafür, dass ihre Kinder und Enkel gute Schulabschlüsse machen und im Studium oder Beruf erfolgreich sind. Denn diese Eltern wissen, wie wichtig Bildung und Ausbildung für das Fortkommen sind. Sich für die eigene Bildung und die Bildungschancen der Kinder einzusetzen, ist in unserer Gesellschaft besonders wichtig. Wir brauchen Eltern, die sagen: „Unser Kind soll es einmal besser haben als wir.“ Dafür müssen sie den Bildungsweg der Kinder unterstützen und fördern. Mit dem Heiligen Sava, dem Patron der Kirche hier in Düsseldorf und Nationalheiligen Serbiens (gest. 1236, Gründer der serb.-orth. Kirche), haben Sie übrigens ein hervorragendes Vorbild. Er war – wie Sie alle wissen – ein außerordentlich gebildeter Mann.

Zum Erfolg der Zuwanderer aus dem damaligen Jugoslawien hat ganz entscheidend auch die serbisch-orthodoxe Kirche beigetragen. Für viele Zugewanderte aus Serbien war und ist bis heute die Verwurzelung im Glauben wichtig. Die Gemeinde vor Ort, aber auch die Diözese mit ihrem Bischof trugen dazu bei, dass sich die Serben von Anfang an in Deutschland heimisch fühlen konnten. Die Kirchengemeinden bieten zum einen eine vertraute Umgebung und Rituale, die man aus der Heimat kennt. Sie sind Orte der Sicherheit und Geborgenheit, vermitteln Halt und Orientierung – gerade dann, wenn man sich in einem Land noch fremd fühlt. Aber auch ganz praktische Hilfe findet man in einer Kirchengemeinde – und die ist wichtig, wenn man sich in einem Land integrieren möchte. Man trifft Landsleute, die man um Rat fragen kann: beim Umgang mit Behörden, bei Problemen am Arbeitsplatz oder bei der Frage, welche Schule die beste für die Kinder ist. Jugendarbeit, Hilfen für Familien oder Angebote für ältere Gemeindemitglieder sind wichtig, um an einem fremden Ort heimisch zu werden. Auch das leisten viele serbisch-orthodoxe Gemeinden.

Manche serbisch-orthodoxen Gemeinden helfen ihren Gemeindemitgliedern auch beim Erlernen der deutschen Sprache. Diese Aufgabe ist besonders wichtig. Denn gute Kenntnisse der deutschen Sprache sind der Schlüssel zur Integration. Wer nicht gut Deutsch spricht, der hat es in der Schule und im Berufsleben schwer. Und auch für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist es wichtig, Deutsch zu können. Für viele Jüngere, die in Deutschland geboren sind, ist Deutsch kein Problem. Sie haben größere Mühen damit, auch Serbisch zu lernen, die Sprache der Eltern oder Großeltern. Ältere Serben und solche, die neu nach Deutschland kommen, brauchen dagegen Hilfe beim Lernen der deutschen Sprache. Deshalb kann Kirchengemeinde ein Ort sein, an dem die Jüngeren von den Älteren und die Älteren von den Jungen lernen. Gleichwohl wird für immer mehr Mitglieder der Serbisch-Orthodoxen Kirche in Deutschland auch die Muttersprache Deutsch sein. Als deutscher Minister freue ich mich darüber, aber ich weiß, dass damit u. a. Herausforderungen für die Gestaltung der Liturgie verbunden sind. Ich möchte dazu nur eine Anmerkung machen: Es waren die slawischen Missionare Cyrill und Methodius, die im 9. Jahrhundert die Bibel und einige liturgische Texte ins Slawische übertrugen, damit die Menschen, die sie zum Glauben bekehren wollten, sie auch verstehen konnten. Ich frage mich: Was bedeutet das für die orthodoxe Liturgie heute, wenn ein immer größer werdender Teil der Gemeindemitglieder – vor allem die Jüngeren – die serbische Sprache nicht mehr gut verstehen? Ich kann mir vorstellen, dass diese Frage die serbisch-orthodoxen Gemeinden künftig intensiv beschäftigen wird, ebenso wie Fragen der Gemeindeorganisation und Gemeindestruktur. Ich weiß aus eigener Erfahrung im katholischen Bistum Aachen, dass solche Umstrukturierungsprozesse schmerzhaft sein können. Mitunter sind sie aber unvermeidlich.

Ich spreche hier auch von diesen innerkirchlichen Dingen, weil mir die Zukunft der Kirchengemeinden wichtig ist – ganz persönlich, aber auch als Minister. Das ist kein Widerspruch dazu, dass Deutschland ein säkularer, weltanschaulich neutraler Staat ist. Denn weltanschaulich neutral heißt nicht gleichgültig oder gar religionsfeindlich. Im Gegenteil, der Staat hat ein Interesse daran, die Religionsausübung seiner Bürgerinnen und Bürger zu fördern und damit auch die dafür notwendigen institutionellen Voraussetzungen zu unterstützen. Die Neutralität des Staates ist in Deutschland nicht absolut, sondern wird als „fördernde Neutralität“ definiert. Den Grund dafür hat der Staatsrechtslehrer Ernst-Wolfgang Böckenförde bereits vor mehr als 30 Jahren geliefert. Sein berühmtes Diktum lautet: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Das bedeutet, dass der Staat auf Menschen angewiesen ist, die fest im Glauben stehen und die solche Werte leben, die für das Zusammenleben in der Gesellschaft wichtig sind. Und der berühmte Satz von Böckenförde bedeutet auch, dass es Institutionen braucht, die den Glauben weitergeben und Werte vermitteln. Und dazu gehören in erster Linie die Kirchen. Die Kirchen haben daher eine wichtige Funktion für den Staat und das gesellschaftliche Zusammenleben. Wir brauchen auch in der Zukunft lebendige, engagierte Bistümer und Gemeinden. So wie die serbisch-orthodoxe Diözese und ihre Gemeinden hier in Deutschland.

Das 40-jährige Bestehen des serbisch-orthodoxen Diözese für Mitteleuropa ist ein Grund zum Feiern und Fröhlichsein. Ich wünsche der Diözese und ihren Gemeinden eine gute Zukunft.

  • Armin Laschet (CDU) ist Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen. Dieser Text wurde als Grußwort von Minister Laschet anlässlich der Festfeier des 40-jährigen Bestehens der Serbisch-Orthodoxen Diözese für Mitteleuropa am 11. Mai 2009 in Düsseldorf gesprochen.

Quelle & Copyright

Orthodoxie Aktuell, Jahrgang 2009, Heft 08