Sonntag der Vergebung und des Verzichts auf Milchspeisen

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Dieser Sonntag trägt die Liturgische Benennung "Sonntag der Vertreibung Adams aus dem Paradies", womit die gesamten Vorbereitungen auf das Fasten gemeint sind. Der Mensch wurde erschaffen für ein Leben im Paradies, auf dass er Gott kenne und mit Ihm Umgang habe. Aber die Sünde hat den Menschen dieses seligen Lebens beraubt, und sein Dasein auf der Erde gleicht einem Exil. Christus, der Erretter der Welt, tut einem jeden, der Ihm folgt, die Pforte zum Paradies wieder auf. Zu Beginn des Fastens werden wir Adam ähnlich. Das Fasten hilft uns, uns von der Sünde zu befreien. Damit beendet die Kirche allmählich die Vorbereitungen auf die Großtat des Fastens. Die Kirche kennt unsere Unbeständigkeit, unsere geistige und seelische Schwäche; daher führt sie uns nach und nach an diese Großtat heran.

An den vier Sonntagen der Vorbereitungswochen werden Bußgesänge gesungen, die uns auch im Laufe des ganzen Großen Fastens begleiten werden: "Sieh Herr, ich tue Buße; öffne mir die Lebenspendende Pforte..." An den letzten zwei Sonntagen vor dem Fasten hören wir im Frühgottesdienst nach freudigen und feierlichen Psalmen den von Wehmut erfüllten 137. Psalm: "An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten...". Das ist ein Psalm der Vertreibung. Ihn sangen die Juden in der babylonischen Gefangenschaft, als sie ihrer Heiligen Stadt Jerusalem gedachten. Dieser Psalm ist für immer das Lied des Menschen geworden, der weiß, dass er vertrieben, dass er von Gott getrennt ist und begreift, dass er sein Heil nur in Gott findet, in dem Wunsche, sich eng mit Ihm zu vereinen. Richtig beginnt das Fasten am Abend des letzten Sonntags vor der großen Fastenzeit.

Am Abendgottesdienst dieses Sonntages sind die Geistlichen noch in helle Ornate gekleidet, aber die Bittgesänge zu Gott künden bereits davon, dass das Großen Fasten anbricht. In dem Psalmenvers "Herr, wende Dein Angesicht nicht ab von Deinem Diener; siehe, wie ich leide, erhöre mein Flehen - nimm meine Seele und erlöse sie" ist der Ausgangspunkt des Fastens zu spüren, und zwar die geheime Verbindung zwischen Verzweiflung und Hoffnung, zwischen Finsternis und Licht. Nur Gott allein vermag mir in meinem Schmerz zu helfen, nur Er allein kann meine Seele retten und erlösen. Dieser Psalmvers wird fünfmal wiederholt. Und nun hat das Fasten bereits begonnen! Die hellen Ornate werden gegen dunkle, strenge Gewänder vertauscht, und die helle Beleuchtung wird gelöscht. Zum ersten Mal wird das den Großen Fasten geltende Bußgebet des Ehrw. Ephrems verrichtet, wobei sich die Betenden bis zur Erde verneigen. Am Ende des Gottesdienstes treten die Geistlichen und die Gläubigen an einander heran, um gegenseitig um Vergebung zu bitten. Das Fasten beginnt eben mit dieser Bekundung von Liebe, Einigung und Brüderlichkeit; der Chor aber stimmt Ostergesänge an. Wir haben vierzig Tage lang zu fasten, doch am Ende dieses Weges leuchtet uns bereits das österliche Licht, das Licht der ewigen Glückseligkeit in Christus.

Am Abendgottesdienst und im Laufe des ganzen Großen Fastens danach wird oftmals ein Bußgebet mit Verneigungen bis zur Erde verrichtet. Von dem Ehrw. Ephrem dem Syrer im 4. Jh. verfasst, richtet sich dieses Gebet an alle Seiten der menschlichen Seele, die zur Buße aufgefordert wird. Über dieses Gebet schrieb A. S. Puschkin:

"In den traurigen Tagen des Großen Fastens
Kommt es mir immer wieder über die Lippen,
Den Gefallenen stärkt es mit unbekannter Kraft...".