Severin von Noricum

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Darstellung aus dem Jahr 1470
Die Westpforte der St.-Laurenz-Basilika in Lorch mit Darstellungen aus dem Leben Severins

Der Hl. Severin von Noricum (* um 410 vermutl. Nordafrika † 8. Januar 482 in Favianis bei Krems an der Donau) war ein spätantiker Missionar und Klostergründer in der römischen Provinz Noricum, die einen großen Teil des heutigen Österreichs bis rund um die Gegend von Passau umfasste. Sein Gedächtnis wird am 8. Januar gefeiert.

Vita

Der Hl. Severin wirkte in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts in der römischen Provinz Noricum. Seiner Herkunft nach war er ein vornehmer Römer, der nach seiner Bekehrung zum Christentum nach Oberägypten reiste, um dort von den Eremiten im geistlichen Leben unterwiesen zu werden. Wann und wie lange er sich dort aufhielt, ist nicht bekannt. Auf göttliche Anweisung kehrte er nach dem Tod Attilas dem Hunnenkönig im Jahre 453 wieder ins Abendland zurück, um in der von den heidnischen und arianischen Germanen bedrängten Provinz Noricum den ansässigen christlichen Romanen beizustehen. Sein Hauptaufenthaltsort war die Stadt Favianis, heute Mautern in Niederösterreich, gegenüber dem Herrschersitz der arianischen Rugier. Der Einfluss des Hl. Severin war so groß, das selbst die Barbaren seine Anweisungen mit Ehrfurcht entgegennahmen. Er bemühte sich um den Freikauf von Gefangenen und die Versorgung Notleidender durch Sammelaktionen, ermunterte die Menschen, zum Schutz gegen die Heiden die Waffen des Lichtes (Fasten, Gebet und Mildtätigkeit) zu ergreifen, und heilte durch seine von Gott verliehene Gnadengabe viele Kranke und Besessene. Den christlichen Glauben reinigte er von örtlichen, abergläubischen Verunreinigungen und erweckte sogar Tote zum Leben. Am liebsten bewohnte er eine kleine, unter Stehhöhe große, etwas abgelegene Einsiedlerhütte, nach dem Vorbild der orientalischen Wüstenväter. Ohne Ermüdung, immer ein lichtes Angesicht bewahrend, fastete er oft mehrere Wochen am Stück. Das ganze Jahr über trug er ein und dasselbe einfache Mönchsgewand. Sogar im Winter lief er immer barfuß. Dank seiner Hellsichtigkeit wusste er oft im Voraus, wann und wo ein Überfall der Barbaren zu erwarten war. Dann schickte er Boten aus, um die bedrohten Städte zu warnen und sie zu Buße, Fasten und Gebet zu ermahnen, oder er ging selbst dorthin und predigte den Bewohnern, sich nicht auf die eigenen Kräfte zu verlassen, sondern schleunigst die bekannten Waffen des Lichtes zu ergreifen und damit die drohende Gefahr abzuwehren.

Der wegweisende Bär

Unter anderem wird folgende Begebenheit vom hl. Severin überliefert: "Zur selben Zeit bemühte sich Maximus aus Binnen Noricum, entflammt von der Glut seines Glaubens, mitten im Winter, wo die Wege in jenem Gebiet von starrendem Frost versperrt sind, in verwegener Waghalsigkeit oder eher, wie sich später herausstellte, in unerschütterlicher Gottergebenheit zum seligen Severin zu gelangen. Er hatte eine große Anzahl Begleiter angeworben, die auf ihrem Rücken Kleidungsstücke schleppen sollten, welche für Gefangene und Arme zu deren Nutzen bestimmt waren; diese Kleider hatten die Noriker in einer frommen Sammlung reichlich aufgebracht. Sie brachen also auf und kamen zu den höchsten Alpengipfeln, wo die ganze Nacht derartig viel Schnee fiel, dass sie, die sich unter dem Schutz eines großen Baumes verbargen, wie in einer großen Grube versenkt eingeschlossen waren. Und als sie schon völlig an ihrem Leben verzweifelten, da überhaupt keine Hilfe zu erwarten war, sah der Anführer des Zuges im Traum jemanden mit dem Aussehen des Gottesmannes dastehen, der zu ihm sagte: ‚Fürchtet euch nicht, setzt euren Marsch fort!’ Durch diese Offenbarung sogleich ermutigt, setzten sie ihren Marsch fort, wobei sie mehr ihr Glaube vorwärts brachte als ihre eigenen Füße. Da erschien plötzlich auf den Wink Gottes hin ein mächtiger Bär von der Seite, um ihnen den Weg zu zeigen; sonst verbirgt sich dieses Tier zur Winterzeit doch gewöhnlich in Höhlen. Dann erschloss er ihnen den ersehnten Weg und wies ihnen fast zweihundert Meilen weit, ohne nach links oder rechts abzuweichen, die erwünschte Richtung. Er schritt ihnen nämlich gerade in einem so großen Abstand voraus, dass er durch seine frische Spur einen Pfad bahnte. So ging also das Tier durch die wüste Einöde vor den Männern einher, die den Bedürftigen Hilfsgüter brachten, und ließ sie nicht im Stich, sondern geleitete sie mit wahrhaft menschlicher Gesinnung bis zu menschlichen Wohnstätten. Dann zog es seitlich ab, nachdem es seine Pflicht erfüllt hatte. Durch diesen wichtigen Führerdienst ließ der Bär erkennen, was Menschen den Menschen erweisen, wieviel Liebe sie aufbringen sollten, da doch ein wildes Tier den Verzweifelnden den Weg gezeigt hatte. Als dann dem Diener Gottes die Männer gemeldet wurden, die gekommen waren, sprach er: ‚Gepriesen sei der Name des Herrn! Eintreten sollen die, denen ein Bär den Weg bahnte, auf dem sie hergelangten.’ Als sie das hörten, wunderten sie sich in mächtigem Staunen, dass der Gottesmann ein Geschehen erwähnte, das sich in seiner Abwesenheit zugetragen hatte."

Die hartherzige Witwe

Zu Beginn seiner Wirksamkeit in Noricum wurde die Stadt Favianis von einer harten Hungersnot geplagt; da glaubten ihre Einwohner, es gebe für sie nur Hilfe, wenn sie den Gottesmann durch fromme Bitten einlüden. Dieser aber wusste im voraus, dass sie zu ihm kommen würden, und wurde vom Herrn ermahnt, mit ihnen zu gehen. In Favianis angekommen, gab er den Bürgern Ratschläge und sprach: “Durch erfolgreiche, heilbringende Buße werdet ihr von dieser verderblichen Hungersnot befreit werden können.“ Als sie diesen Anordnungen folgten, erkannte der allerseligste Severin durch göttliche Offenbarung, dass eine Witwe namens Procula einen sehr großen Vorrat an Getreide verborgen hielt. Er ließ sie öffentlich vorführen und machte ihr heftige Vorwürfe. “Warum” , sprach er , “zeigst du, eine Dame von vornehmster Herkunft, dich als Magd der Begierde und wirst eine Sklavin des Geizes, der nach der Lehre der Apostel Götzendienst ist? Siehe, während der Herr voll Mitleid für seine Diener sorgt, wirst du mit deinem auf unrechte Weise erworbenen Besitz nichts anzufangen wissen, es sei denn, du schüttest das hartherzig verweigerte Getreide in die Fluten der Donau und erweist so den Fischen die Menschlichkeit, die du den Menschen verweigert hast. Deshalb hilf lieber dir selbst als den Armen mit den Vorräten, die zu horten du noch für richtig hältst, während Christus hungert.“ Durch diese Worte wurde die Frau von großer Furcht erfasst und begann ihre Vorräte bereitwillig unter die Armen zu verteilen. Und nicht viel später erschienen zahlreiche mit Waren vollbeladene Schiffe aus Rätien unverhofft am Donauufer, die viele Tage lang im dicken Eis des Inns festgehalten worden waren. Als das Eis plötzlich auf Gottes Befehl hin schmolz, brachten sie den Hungernden Mengen an Lebensmitteln. Darauf priesen alle Gott als den Spender der unverhofften Hilfe in unablässiger Andacht; sie hatten schon geglaubt, sie würden durch die anhaltende Hungersnot dahinsiechen und sterben, und bekannten, dass die Schiffe augenscheinlich zu außergewöhnlicher Zeit durch die Bitten des Knechtes Gottes vom Eise befreit worden waren.

Wirken gegen den Arianismus

Der hl. Severin versuchte nie, Andersgläubige dadurch zu bekehren, dass er ihnen die Fehler ihrer Anschauung zu erklären versuchte. Entweder wären diese nicht in der Lage gewesen, seinen Gedankengängen zu folgen, oder, was noch schlimmer gewesen wäre, sie hätten diese zum Anlass genommen, danach aus freien Stücken selbst Theologie zu betreiben und sich dadurch in andere, vielleicht noch schlimmere Fehler gestürzt. Dennoch bekannte der hl. Severin die Notwendigkeit des orthodoxen Glaubens zur Erlangung des ewigen Heils, wie das folgende Beispiel zeigt. Als sich der Rugierkönigs Flaccitheus durch das Erscheinen der Goten in Niederpannonien in seiner Herrschaft bedroht sah, suchte er den Hl. Severin auf, um ihn wie ein himmlisches Orakel um Rat zu fragen. Der hl. Severin sagte ihm: “ Wenn uns der eine konziliare Glaube verbinden würde, hättest du mich eher wegen des ewigen Lebens um Rat fragen müssen; aber weil du nur beunruhigt wegen des irdischen Wohles, das uns gemeinsam ist, fragst, so lasse dich belehren und höre zu.“ Hiermit erklärte er alle nicht-orthodoxen Glaubenslehren für irdisch. Im Folgenden ermahnte er den arianischen König, das er nicht die Grenze seines Reiches, die Donau, überschreiten, sich vor Hinterhalten hüten und selbst keine legen soll, und dass er es sich nicht verdrießen lasse, auch mit den Niedrigsten Frieden anzustreben und sich niemals auf seine eigenen Kräfte zu verlassen. Dann zitierte der hl. Severin die Heilige Schrift, in der es heißt: “Verflucht ist, wer auf den Menschen vertraut und das Fleisch für seinen Arm hält und dessen Herz sich vom Herrn entfernt.“ Hiermit ermahnte er den König nicht nur zu Besonnenheit, sondern widerlegt auch den Arianismus, der in Christus nur den vergöttlichten Menschen, aber nicht Gott seinem Wesen nach anerkennen will, wodurch er gezwungen ist, das Heil des Menschen aus der eigenen Natur, durch eigenes Vermögen zu lehren, was der Heiligen Schrift widerspricht. Außerdem stellten sich durch die Erklärung des Hl. Severin die Handlungsweisen der Barbaren als Resultat ihres verfälschten Glaubens dar.

Der Mönch Bonosus

"Bonosus, ein Mönch des seligen Severin, seiner Geburt nach ein Barbar, der die Worte Severins sehr aufmerksam aufnahm, litt schwer an einer Sehschwäche und bat, durch sein Gebet geheilt zu werden; es verdross ihn nämlich, dass fremde und auswärtige Menschen die Hilfe heilbringender Gnade erfuhren, ihm aber überhaupt keine Heilung und Hilfe zuteil wurde. Zu ihm sprach der Diener Gottes: ‚Es bringt dir keinen Nutzen, mein Sohn, in den Augen des Leibes scharfe Sehkraft zu besitzen und durch sie einen klaren Blick nach außen zu haben. Bete lieber, dass sich dein inneres Schauen belebe!’ Durch solche Mahnungen also unterwiesen, bemühte er sich, mehr mit dem Herzen als mit dem Körper zu sehen, und erwarb sich, ohne je Überdruss zu empfinden, eine bewundernswerte Ausdauer im Gebet. Ungefähr vierzig Jahre versah er ohne Unterbrechung seinen Dienst im Kloster und verschied im gleichen glühenden Glauben, durch den er bekehrt worden war."

Severin und die Heuschreckenplage

"Ein andermal wiederum hatte sich, im Gebiet des Kastells namens Cucullis, der heutigen Ortschaft Kuchl an der Salzach südlich von Salzburg, in Scharen Feldfrüchte verzehrende Heuschrecken niedergelassen, die durch ihren verderblichen Biss alles vernichteten. Über ein derartiges Unheil also erschüttert, wandten sich die Geistlichen und übrigen Einwohner alsbald an den Hl. Severin mit inständigen Bitten und sprachen: ‚Damit die so schreckliche Plage abgewendet werde, bitten wir um die erprobten Fürbitten deiner Gebete; dass diese beim Herrn viel bewirken, sahen wir erst vor kurzem bei dem bedeutenden Wunder, als die Kerzen sich mit himmlischer Hilfe entzündete.’ Zu ihnen sprach er voll Frömmigkeit: ’Habt ihr nicht gelesen, was die Majestät Gottes dem sündigen Volk durch den Propheten vorgeschrieben hat? `Bekehrt euch zu mir in euren Herzen und durch Tränen`, und kurz darauf: `Beginnt ein frommes Fasten, ruft die Gemeinde zusammen, versammelt die Glieder der Kirche` und so weiter? Vollbringet also durch würdige Werke, was ihr lehrt, damit ihr dem gegenwärtigen Unheil leicht entrinnt: Niemand gehe auf sein Feld, um etwa durch menschliche Geschäftigkeit die Heuschrecken abzuwehren, damit der Zorn Gottes nicht noch mehr herausgefordert wird.’ Unverzüglich versammelten sich alle in der Kirche, und ein jeder sang in der gewohnten Reihenfolge wie üblich die Psalmen. Jedes Alter und Geschlecht betete zu Gott, und wer es nicht mit Worten konnte, flehte durch Tränen; Almosen wurden unablässig gegeben, und alle guten Werke, die gegenwärtige Notlage erforderte, wurden vollbracht, wie es der Diener Gottes angeordnet hatte. Während nun alle sich ganz diesen frommen Übungen hingaben, verließ ein ganz armer Mann den begonnenen Gottesdienst und ging zum Feld, um nach seiner eigenen Saat zu schauen, die winzig zwischen den Saatfeldern der anderen lag. Den ganzen Tag über verjagte er ängstlich mit größtem Eifer die darüber schwebende Wolke von Heuschrecken, und dann ging er wieder in die Kirche, um das Abendmahl zu empfangen. Sein kleines Saatfeld aber, das von vielen fruchtbaren Äckern der Nachbarn umgeben war, fraß der Heuschreckenschwarm ab. Als dann in der Nacht die Heuschrecken aus diesem Gebiet auf göttlichen Befehl vertrieben waren, erwies sich, wieviel das gläubige Gebet vermag. Am folgenden Morgen allerdings, als der unbesonnene Verächter des heiligen Wortes wieder zu seinem Acker ging, zu Unrecht ohne Sorge, fand er diesen durch die Heuschreckenplage bis auf den Grund kahlgefressen vor, die Saatfelder aller Nachbarn ringsum aber unversehrt. Verwundert und verblüfft kehrte er mit jammervollem Geschrei zum Kastell zurück, und als er berichtete hatte, was vorgefallen war, gingen alle hinaus, um ein derartiges Wunder zu sehen, wo gewissermaßen in schnurgerader Linie der Biss der Heuschrecken das Saatfeld des verstockten Mannes angezeigt hatte. Da warf dieser sich allen zu Füßen und bat mit heftigem Wehklagen durch ihre Fürsprache um Verzeihung für sein Vergehen. Dadurch fand der Mann Gottes einen Anlass zur Ermahnung und belehrte alle, sie sollten lernen, dem allmächtigen Herrn zu gehorchen, dessen Befehlen sich sogar die Heuschrecken beugten. Der erwähnte Arme aber brachte unter Tränen vor, er werde den Geboten in Zukunft gehorchen, wenn ihm irgendeine Hoffnung bleibe, nach der er leben könne. Da sprach der Mann Gottes zu den übrigen: ‚Es ist recht und billig, dass er, der euch, indem er sich der Strafe unterwarf, ein Beispiel der Demut und des Gehorsams gegeben hat, durch eure Freigiebigkeit Nahrungsmittel für das laufende Jahr erhält.’ Durch eine Sammlung unter den Gläubigen also ebenso heftig getadelt wie bereichert, lernte der arme Mann, welch großen Schaden Unglauben mit sich bringt und welch große Wohltat der freigiebige Gott seinen Anhängern erweist."

Kerzenwunder

„Ebenso geschah es auch nahe einer Stadt namens Iuvao: Als die Gläubigen eines Tages zur Sommerzeit die Basilika betraten, um den Abendgottesdienst zu feiern, und kein Feuer fanden zum Anzünden der Lichter, konnten sie durch das übliche Aufeinanderschlagen von Steinen keine Flamme zustande bringen; und mit dem Zusammenstoßen von Eisen und Stein verweilten sie so lange, dass die Zeit des Abendgottesdienstes verstrich. Aber der Mann Gottes kniete nieder auf den Boden und betete inbrünstig. Bald entzündete sich also vor den Augen dreier Geistlicher, die damals anwesend waren, die Kerze, die der heilige Severin in der Hand hielt. Bei ihrem Licht wurde der Abendgottesdienst wie üblich zu Ende geführt, und man dankte Gott für alles. Obwohl er wünschte, dass die erwähnten Männer, die bei diesem Wunder anwesend waren, es verheimlichten wie viele Großtaten, die von ihm durch göttliches Wirken herrlich vollbracht wurden, konnte der Ruhm einer so großen Wunderkraft dennoch nicht verborgen werden, sondern entflammte die übrigen vortrefflich zu starkem Glauben.“

Severin warnt die Bewohner Lauriacums

“Die Bürger aus der Stadt Lauriacum und die Flüchtlinge aus den donauaufwärts gelegenen Kastellen hatten an verschiedenen Stellen Späher aufgestellt und suchten sich dadurch, soweit sie es durch menschliche Vorsicht vermochten, vor den Feinden vorzusehen. Durch göttliche Eingebung ermahnt, unterwies sie der Diener Gottes mit seinem seherischen Geist, sie sollten all ihre armselige Habe innerhalb der Stadtmauern sicher bergen, damit die Feinde bei ihren schrecklichen Überfällen nichts vorfänden, was Menschen zum Leben brauchen, und so vom Hunger getrieben ihr ungeheuerliches, grausames Unterfangen aufgäben. Hierzu mahnte er vier Tage lang, und als es Abend wurde, sandte er einen Mönch namens Valens zum heiligen Constantius, dem Bischof dieses Ortes, und zu den übrigen Einwohnern, indem er befahl: ‚In dieser Nacht’, so forderte er, ‚verteilt wie gewöhnlich Posten auf der Stadtmauer, haltet besonders aufmerksam Wache, und hütet euch vor Überfällen der Feinde.’ Sie aber behaupteten, sie könnten durch ihre Späher überhaupt nichts von Feinden bemerken. Aber der Diener Christi ließ nicht ab, sie zu warnen, und als sie immer noch zweifelten, sprach er mit erhobener Stimme zu ihnen und fügte hinzu, noch in dieser Nacht würden sie gefangen werden, wenn sie nicht auf seine Anweisungen hörten, und er wiederholte oft: ‚Steinigt mich, ja steinigt mich, wenn ich nicht die Wahrheit sage!’ So wurden sie nun endlich dazu gebracht, die Stadtmauer zu bewachen, und nach dem üblichen Psalmengesang bei Einbruch der Nacht eilten die Bewohner in Scharen herbei, um Wache zu halten. Da wurde ein Heuhaufen in der Nähe durch die Fackel eines Lastträgers unabsichtlich entzündet und erleuchtete die Stadt, verursachte aber keinen Brand. Wegen dieses Vorfalls schrien alle auf, und die Feinde, die sich in der Finsternis der Wälder versteckt hatten, wurden durch den plötzlichen Feuerschein und das Geschrei in Schrecken versetzt und glaubten, sie seien entdeckt worden; deshalb verhielten sie sich ruhig. Als es Morgen wurde, umkreisten sie die Stadt und durchstreiften das Gebiet in allen Richtungen. Als sie aber keine Lebensmittel fanden, zogen sie ab; nur die Viehherde eines Mannes raubten sie, der es trotz der Vorhersage des Dieners Gottes hartnäckig unterlassen hatte, seinen Besitz in Sicherheit zu bringen. Nachdem die Feinde aber abgezogen waren, traten die Bewohner vor die Stadttore hinaus, und nicht weit von der Stadtmauer fanden sie Leitern liegen, die die Barbaren für die Zerstörung der Stadt bereitgestellt, aber, durch das Geschrei der Wachen verwirrt, nachts weggeworfen hatten. Deswegen baten die genannten Bürger den Diener Gottes um Vergebung und bekannten in Demut, ihre Herzen seien härter als Stein. Aus dem gegenwärtigen Geschehen erkannten sie nämlich, dass in dem heiligen Mann die Gnade der Prophetie kraftvoll gewirkt hatte: Das ungehorsame Volk nämlich wäre in seiner Gesamtheit in Gefangenschaft geraten, hätte ihm nicht das gewohnte Gebet des Gottesmannes die Freiheit erhalten, wie dies der Apostel Jakobus mit den Worten bezeugt: ‚Viel vermag das inständige Gebet des Gerechten.’”

Tod und Reliquien

Gegen Ende seines Lebens sagte er voraus, dass alle Romanen bald das Land verlassen müssten, und bat darum, seine sterblichen Überreste dann nach Italien mitzunehmen, da das Land derart verwüstet und menschenleer werden würde, dass die Barbaren, in der Hoffnung, dort Gold oder Silber zu finden, sogar die Gräber aufbrechen würden. Oft verglich der Heilige die Lage der christlichen Romanen unter den Barbaren mit jener des israelischen Volkes in der ägyptischen Gefangenschaft. Seine Lebensbeschreibung, die "Vita Sancti Severini", verfasst von dem Abt Eugippius, ist das bedeutendste Schriftdenkmal der Völkerwanderungszeit und nur etwa 30 Jahre nach Severins Tod verfasst worden. Die Reliquien des Hl. Severin wurden nach dem endgültigen Zusammenbruch der Römerherrschaft im Noricum, im Jahre 488, unter vielen Wunderzeichen und Heilungen von Kranken und Besessenen, nach Italien überführt; zuerst nach Castrum Lucullanum, dem Verbannungsort des letzten römischen Kaisers Romulus Augustulus, später dann im Jahre 902 nach Neapel. Seit 1807 ruhen die Reliquien des Heiligen in Frattamagiore, nördlich von Neapel. Das erste Grab des Heiligen wird in Wien-Heiligenstadt vermutet. Reliquien des Heiligen befinden sich außer im Altar der Kapelle der hll. Sosio und Severin in der Pfarrkirche zu Frattamaggiore, im Sakramentshaus des Presbyteriums der Pfarrkirche St. Laurenz in Enns, in der Kirche St. Jakob in Wien-Heiligenstadt, in Hatkirchen in Oberösterreich und in der Severinskirche in München-Garching.

Textnachweis

Dieser Text stammt aus: "Orthodoxe Heiligenleben", Vorabdruck im Internet, S.47ff. Scan des Kapitels über den Hl. Severin. Mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber.

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