Religiöse Wiedergeburt

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Die religiöse Wiedergeburt im Fin-de-Siècle

In den letzten Jahrzehnten des russischen Zarenreiches wandten sich viele gebildete Russen wieder der Kirche zu, um ihren Glauben wiederzubeleben. Ebenso bezeichend für diese Ära war das Streben nach Spiritualität abseits kirchlicher Riten, bekannt geworden als Gottsuche. Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle widmeten sich in großer Zahl persönlichem Gebet, Mystizismus, Spiritualismus, Theosophie und östlichen Religionen.

Die Faszination für elementare, unbewusste oder mystische Gefühlserlebnisse breitete sich ebenso aus wie Visionen von einer kommenden Katastrophe und Erlösung. Die Formen der Gottsuche waren vielfältig. In St. Petersburg wurden von 1901 bis 1903 eine Reihe “Religiös-Philosophischer Begegnungen” abgehalten, bei denen bekannte Intellektuelle und Kleriker zusammenkamen und Wege erörterten, die Kirche mit dem wachsenden Bedürfnis der gebildeten Schichten nach undogmatischer Spiritualität in Einklang zu bringen. Besonders nach 1905 entstanden verschiedene religiöse Gesellschaften, obwohl ein Großteil des religiösen Aufbruchs unorganisiert vonstatten ging: in Zirkeln und Salons, auf Séancen und im privaten Gebet. Einige Kleriker bemühten sich auch um die Wiederbelebung des orthodoxen Glaubens; der bekannteste davon war der charismatische Vater Johannes von Kronstadt, der bis zu seinem Tod im Jahre 1908 (wobei seine Anhänger noch lange darüber hinaus wirkten) das christliche Leben propagierte und sich bemühte, die liturgischen Feierlichkeiten wieder mit Inbrunst und Wunderglaube zu erfüllen.

1909 erschien eine aufsehenerregende Essaysammlung unter dem Titel Vekhi (“Wegweiser”), verfasst von einer Gruppe führender linker Intellektueller, meist früherer Marxisten, in denen die Ideologien des Materialismus und Atheismus, wie sie von der Intelligenzia seit Generationen vertreten worden waren, aufs Schärfste verworfen wurden, da sie unweigerlich zu Chaos und moralischem Bankrott führen müssten. Eine gleichsam erneuerte Kraft und Vielfalt von religiösem Leben und Spiritualität war auch bei den unteren Klassen zu erkennen, vor allem nach den Erhebungen von 1905.

Unter der Landbevölkerung wuchs das Interesse an geistlich-ethischer Literatur und neuartigen spirituellen Bewegungen; Pilgerwesen und die Verehrung heiliger Stätten und Gegenstände (vor allem Ikonen) erlebten einen Aufschwung; weitverbreitet war der Glaube an das Übernatürliche (Erscheinungen, Besessenheit, Untote, Dämonen, Geister, Wunder und Zauberei); die neu belebten lokalen „kirchlichen Gemeinschaften“ gaben sich eigene Regeln und Rituale, manchmal auch ohne klerikale Hilfe, und suchten sich ihre eigenen heiligen Stätten und Formen der Frömmigkeit; und so breitete sich vieles aus, was von der überlieferten Orthodoxie als „Sektierertum“ gebrandmarkt wurde: sowohl nicht-orthodoxe Bekenntnisse, vor allem der Baptismus, als auch verschiedene Formen abweichlerischer Volksorthodoxien und Mystizismen.


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