Herz

Aus Orthpedia
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das Herz ist ein Begriff der orthodoxen Anthropologie und Asketik, der jenen Teil der menschlichen Seele bezeichnet, der für die Gefühle zuständig ist. Der Mittelpunkt des physikalischen Körpers ist die Brust, und darin das Herz. Allerdings sind das anatomische Herz und das seelische Herz nicht ganz das gleiche. Die menschliche Seele verbreitet sich über den ganzen Körper. Dabei haben ihre Grundkräfte - die rationale, die fühlende und die wünschende Kraft - als jeweilige Orte das Gehirn, das Herz und den Bauch (bzw. insgesamt die Eingeweide oder Innereien, einschließlich Leber und Blut). Die Seele, so der Hl. Athanasios der Große, haust in diesen drei Teilen des Körpers - im Herzen, im Kopf und in den Königsadern; indem sie in diesen drei Teile haust, ergießt sie ihre Wirkung in den ganzen Körper. Das heißt, das Herz eines Menschen ist als Teil der Seele auch über das Herz ausgebreitet als einem physiologischen Organ, das als Werkzeug seiner Aktivitäten dient: „Das körperliche Herz ist ein muskulöser Kern, also Fleisch… aber fühlen tut nicht das Fleisch, sondern die Seele, zu deren Fühlen das fleischliche Herz nur als Werkzeug dient, sowie das Gehirn als Werkzeug für den Verstand dient“ (Hl. Theophan der Klausner).

Als Teil der menschlichen Seele ist das Herz ein Mittelpunkt. Auf die Mittigkeit, die Zentralität weist auch das Wort, das aus dem indoeuroüäischen „kerdis“ (Mitte, Herz) stammt, und auf verschiedene sprachen als mhd. herz[e], ahd. Herza, engl. heart, russ. serdce, griech. kardia, lat. cor, cordis (daher auch credo: „glauben, vertrauen“), franz. le coeur, ital. cuore, span. corazon, lett. sirdis, litt. sirds, altpreuß. seyr, sirt, cride, goth. hairto. In den slawischen Sprache (vgl. serdce (Herz) und seredina (Mitte), serdcevina (Mittelpunkt), s. auch lat. serdis (Zentrum, Mittelpunkt)) ist dieser Zusammenhang besonders deutlich zu sehen.

Das Herz wird für den allerwichtigsten Teil der Seele gehalten, da es das Zentrum ist, der Mittelpunkt des spirituell-moralischen Lebens des Menschen. Durch diese Auffassung wird die Vernunft nicht herabgewürdigt, da sie nach wie vor die beherrschende, kontrollierende Kraft der Seele bleibt. Nichtsdestotrotz erzeugt nicht sie die Hauptrichtung des spirituellen Lebens des Menschen, sondern das allgemeine Befinden der Seele, ihre herzinnere Stimmung, bestimmt das spirituelle Leben des Menschen. Alle Bilder, Empfindungen und Gedanken, die in die Seele von außen hineinkommen, erhalten ihre Bedeutung nur in der Abhängigkeit von der herzinneren Stimmung bzw. der Einstellung, die ein Mensch ihnen gegenüber hat. Je nach dieser Einstellung können sie entweder akzeptiert oder auch abgelehnt werden. Eine besondere Eigenschaft des Herzens ist die Fähigkeit, dieses oder jenes Bild oder Vorstellung zu erleben oder mitzugenießen. „Keine Wirkungen oder Reize, die aus der Außenwelt kommen, werden in der Seele Erlebnisse oder Empfindungen hervorrufen, wenn die Letzteren mit dem herzinneren Zustand des Menschen inkompatibel sind. Im Herzen des Menschen befindet sich die Grundlage seiner Vorstellungen, und seine Gefühle und Handlungen werden ganz eigentümlich geprägt, worin sich seine Seele äußert, und nicht die eines Anderen“, sagte Priester Wadim Kozshewski (Пропедевтика аскетики (Prepedeutik der Asketik).

Der Sündenfall des Menschen hat sich auf das Herz besonders katastrophal ausgewirkt. Es ist zum Ort der Genüsse, von sündhaften Bildern und zur Wohnung von Leidenschaften geworden; und die überirdische Güte, der unfassbare, mit menschlichen Worten unsagbare Friede, der durch die Gnade des Heiligen Geistes gegeben wird, ist verloren. Den christlichen Glaubensvorkämpfern ist die Möglichkeit zur Rückkehr der Göttlichen Gnade gegeben, die auch Wahrnehmung Gottes heißt - und das bedeutet das reale Gefühl der Anwesenheit des Heiligen Geistes, der in der Seele verbleibt und sie mit seinen seligen Früchten in Form von überirdischer Welt, Liebe und Freude erfüllt. In ihrem spirituellen Vorkampf sind die Christen berufen, die Herzen durch die Erfüllung der Gebote zu reinigen und mit Hilfe Gottes zu Tempeln der Göttlichen Gnade zu machen, die der Seele jene seligen spirituellen Freuden gibt, die die leiblichen Genüsse der vergänglichen Welt unendlich übersteigen. Nach dem Wort des Hl. Gregor Palamas ist eben das Herz des christlichen Glaubensvorkämpfers der Thron der Göttlichen Gnade.

Das Herz wird oft in die Nähe des Verstandes gestellt. Solche Näherung ist berechtigt, da Verstand und Herz untrennbar sind. Darum sprechen die heiligen Väter über die Erkenntnis Gottes durch das „Verstandesgefühl“ (russ. «умное чувство»), denn „weder äußert der Verstand seine Wirkungen ohne Gefühl, noch das Gefühl ohne den Verstand“,– sagte der Hl. Symeon der Neue Theologe. Dabei wird das Verstandsgefühl der Erkenntnis Gottes auch Göttlich genannt; denn es wird nur durch die Teilnahme an der Gnade, an der segensspendenden Wirkung Gottes gespendet.

Die Bewahrung bzw. die Zucht des Verstandes und des Herzens ist eines der Hauptprinzipien des orthodoxen Asketismums.