Gnade

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Gnade (russ. благодать, von благо ‚wohl‘ und дать ‚geben‘; nt.-griech. χάρις; lat. gratia), ist, nach der einfachsten Definition, die göttliche Liebe. Unter Gnade ist in der orthodoxen Tradition die ungeschaffene göttliche Energie, Kraft oder Werk verstanden, in denen Gott sich dem Menschen öffnet und sich spürbar macht. Durch die Wirkung der göttlichen Gnade bietet sich die Möglichkeit, Gott zu erkennen.

Durch der Wirkung der göttlichen Gnade öffnet sich die Möglichkeit der Gotteserkennung. „... ohne Gnade kann unser Verstand Gott nicht erkennen, - lehrte der hl. Siluan von Athos, - … jeder von uns kann über Gott insofern urteilen, inwiefern er die Gnade des Heiligen Geistes gekostet hat“. Die Wirkung der Gnade Gottes ermöglicht dem Menschen seine Sünden zu besiegen, die Gebote zu erfüllen, errettet zu werden und sich spirituell umzuwandeln. „Während der Christ in sich und um sich agiert, bringt er in seiner Askese und seinen Glaubenstaten (Podwigen) seine gesamte Persönlichkeit ein, das tut er aber und kann es erfolgreich nur mit der unablässigen Mitwirkung der göttlichen Kraft – der Gnade tun., - lehrte der hl. Justin Popović. - Ohne die gnadenreiche segensspendende Hilfe Gottes gibt es weder einen Gedanken, den der Christ auf evangelisch denken kann, noch ein Gefühl, das er auf evangelisch spüren kann, weder eine Tat, was er auf evangelisch tun kann“. Die Wirkung der göttlichen Gnade vermittelt dem Menschen eine unschätzbare Gabe der Vereinigung mit Gott, - die Vergöttlichung. Dann, laut dem Heiligen Makarios den Größen, ähnelt sich der Mensch Christus an und wird höher als Adam vor dem Sündenfall.

Die Gnade arbeitet mit dem freien Willen des Menschen zusammen (in gottmenschlicher Synergie). „Der gottmenschliche Synergismus ist das Wesentliche, was die christliche Tätigkeit in der Welt kennzeichnet. Hier wirkt der Mensch Gott bei, und Gott wirkt dem Menschen bei, - erklärte der hl. Justin Popović. - … Der Mensch äußert seinerseits den Willen, und Gott – die Gnade; von ihrer Zusammenwirkung wird die christliche Persönlichkeit erschaffen“. Nach der Lehre vom hl. Makarios dem Großen wirkt die Gnade bei der Erschaffung des neuen Menschen mystisch und allmählich. Die Gnade stellt den menschlichen Willen auf die Probe, indem sie prüft, ob der Mensch die vollständige Liebe an Gott gewährt und mit der Wirkung der Gnade einverstanden ist. Wenn der Mensch das Gefäß seiner Seele reinigt und diese Reinheit aufbewahrt, dringt die Gnade bis in ihres Innerste hinein, bis sie den ganzen Menschen einfüllt.

Die Gnade wird besonders reichlich durch die Teilnahme an den Heiligen Mysterien gespendet, doch wirkt die Gnade in den Sakramenten nicht formal-mechanisch, sondern genau in dem Maß, in dem der Mensch bereit ist, sie zu empfangen.

«Was ist die Gnade Gottes? Wie wirkt sie? Dieser Frage sind die Schriftwerke mehrerer christlichen Mystiker und Theologen gewidmet. Wenn in zwei Worten, dann ist die Gnade die Energien Gottes. Diese Energien wirken nicht nur auf die Seele, sondern auch auf den Körper; es kann gesagt werden, dass sie den ganzen Menschen durchwirken und durchtränken. Manchmal unterlaufen die Körper der Heiligen, die mit den lebensspendenen Göttlichen Energien durchwirkt, sogar nicht dem allgemeinen Schicksal der geschaffenen Dinge – sie verwesen nicht. Für die Menschen, die das geistliche Leben führen, ist all das keine Theorie, sondern die wirklichste Tatsache ihres Lebens.“
Priester Konstantin Parkhomenko


Der Begriff „Gnade Gottes“ in der Heiligen Schrift und der Überlieferung

Das Wort „Gnade“ ist in der Heiligen Schrift (sowohl im Alten als auch im Neuen Testament) ziemlich häufig zu treffen. Es wird in unterschiedlichen Bedeutungen benutzt:

a) manchmal bedeutet Gnade das Wohlwollen, Gunst, Huld, Erbarmen (Gen. 6,8[1]; Ekkl. 9,11; Eph. 2,15[2]; 8,5[3]);

b) manchmal Gabe, Wohl, alle Arten von Wohl und alle Gaben, die Gott seinen Geschöpfen ohne einen Verdienst ihrerseits schenkt (1 Petr. 5,10[4]; Röm. 11,6[5]; Sacb. 12,10[6]), sowie auch die natürlichen Gaben, mit denen die Erde erfüllt ist (Ps. 83,12[7]; 146,8-9[8]; Apg. 14,15-17[9]; 17,25[10]; Jak. 1,17[11]) und die übernatürlichen außerordentlichen Gaben Gottes, die Gott verschiedenen Gliedern der Kirche gibt (1 Kor. 12,4-11[12]; Röm. 12,6[13]; Eph. 4,7-8[14]);

c) manchmal bedeutet dieser Begriff das ganze größte Werk unserer Erlösung und Heils, die durch die Gnade unseres Herrn Jesu Christi vollbracht ist. „Denn die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend für alle Menschen. Als aber die Güte und die Menschenliebe unseres Heilandgottes erschien, errettete er uns nicht aus Werken, die, in Gerechtigkeit vollbracht, wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit durch die Waschung der Wiedergeburt und Erneuerung des Heiligen Geistes” (Tit. 2,11[15]; 3,4-5[16]);

d) im eigentlichen Sinne bezeichnet Gnade die rettende Kraft Gottes, die uns dank den Tugenden und der Opferung Jesu Christi uns für unsere Heiligung und Heil vermittelt wird und uns zum geistlichen Leben wiederbelebt, und befestigt und vervollkommnet und damit unsere Heiligung und Heil vollbringt.

Die Göttliche Gnade ist ungeschaffen, ungeboren und persönlich (hypostatisch). In der Heiligen Schrift ist sie häufig als „Kraft“ bezeichnet: „ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen ist” (Apg. 1,8[17]), „Und er [der Herr] hat zu mir gesagt: Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht“ (2 Kor. 12,9[18]). Die Heiligen Väter bezeichnen die Gnade als „die Strahlen der Gottheit“, „die Göttliche Herrlichkeit“, „das ungeschaffene Licht“. In ihrer Wirkung stammt die Gnade von allen Personen der Heiligen Dreiheit. „Die Wirkung des ungeschaffenen Wesens, -schrieb der hl. Kyrill von Alexandrien, - ist etwas gemeinsames, auch wenn sie jeder Person eigentümlich ist“. Der hl. Irinäus von Lyon merkte bei seinen Reflexionen über die Manifestation der Heiligen Dreiheit, in der Göttlichen Haushalt (Oikonomia) an, dass die Gnade vom Vater ausgeht und durch den Sohn im Heiligen Geiste vermittelt wird. Nach den Worten von hl. Gregor Palamas ist die Gnade „die gemeinsame Energie und die göttliche Kraft und Wirkung vom dreihypostatischen Gott“.