Gedanken

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Gedanken sind der Plural von Gedanke, also von etwas, was gedacht worden ist, oder Ideen, eine Ansicht oder Meinung.

Heiliger Ehrwürdiger Isaak der Syrer
Ignatij Brjantschaninow

Konstantin Parkhomenko: Titel bitte ergänzen

Der Begriff „Kampf mit den Gedanken“ bedeutet in der orthodoxen asketischen Literatur die Anstrengung des Christen, durch Gebet den sündigen Gedanken (Ideen, Bildern, Phantasien; russ. помыслы) zu widerstehen. Laut den Heiligen Vätern kommen sündige Gedanken entweder von den gefallenen Geistern in die Seele, oder sie werden durch äußere sinnliche Anlässe erregt. Alle sündigen Gedanken tragen in sich Bilder von Erscheinungen und Gegenständen der sinnlich wahrnehmbaren Welt und Angebote sündiger Genüsse. Sie wollen sich den Verstand unterordnen und wirken dabei auf das durch Sünde verdorbene menschliche Herz ein.

Die Heiligen Väter lehren, dass der geistige Kampf, der mit einem Sieg oder einer Niederlage endet, in uns auf verschiedenen Ebenen stattfindet. Zuerst entsteht die flüchtige Idee oder Vorstellung eines Gegenstandes – auf Russisch heißt dies Eingebung (Einschmeichelung, Suggestion, russ. прилог, griech. logismos); dann die Verbindung (Annahme, russ. сочетание); dann die Zustimmung (russ. сложение); und danach die Versklavung durch ihn - die Gefangenschaft (russ. пленение); und, schließlich und endlich, die Leidenschaft (russ. страсть).

Die Aufgabe des Menschen ist es, der Einwirkung des sündigen Gedanken zu widerstehen, ihn also nicht anzunehmen. Diese Aufgabe kann der Mensch aber durch eigene Bemühungen allein bewältigen, denn die menschliche Natur ist durch die Sünde verseucht, und ein sündiger Gedanke stößt im verdorbenen menschlichen Herzen stets auf Sympathie. Der Widerstand gegen die Gedanken und der Sieg über sie sind nur durch die Wendung an den All-Heiligen Gott und nur durch die Mitwirkung der Göttlichen Gnade erreichbar. Eben deswegen erfordert der Kampf gegen die Gedanken das verstärkte Gebet, ist also eine Tugend und eine Askese Podwig des Gebets.

Denjenigen, die den Kampf gegen die Gedanken beginnen, empfehlen die erfahrenen christlichen Asketen den Nicht-Widerspruch. „Widersprich den Gedanken, die der Feind in dich einsät, nicht, sondern unterbreche das Gespräch mit ihnen durch das Gespräch mit Gott“, lehrt der hl. Isaak der Syrer. „Sollen wir einem gegen uns kämpfenden Gedanken widersprechen?“ – fragen die hl. Barsanuphios und Johannes, und sie geben die Antwort: „Widersprich ihm nicht; denn die Feinde wünschen das nur, und wenn sie den Widerspruch sehen, werden sie nicht aufhören, dich anzugreifen; also bete gegen sie zu Gott und werfe dein Unvermögen vor Ihn hin; denn Er vermag sie nicht nur zu verjagen, sondern sie vollkommen auszurotten.“

Der Widerstand gegen die Gedanken durch das Gebet erfordert nicht nur die Anstrengung der spirituellen Kräfte (die Askese und das Voranschreiten der Seele, (Podwig)), sondern auch die Askese bzw. das Voranschreiten des Körpers (Fasten, Wachen, Arbeit usw.), die helfen, die Leidenschaften vorübergehend zu fesseln. „Notwendig ist der Podwig für den Christen“, lehrt der hl. Hierarch Ignatios (Brjantschaninow), - „aber nicht der Podwig, der die Christen von der Herrschaft der Leidenschaften befreit, sondern ihn in die Hand Gottes gibt; ihn befreit die Gnade des Heiligen Geistes“.

Ein Mensch, der die Göttliche Gnade gekostet hat, lässt den Gedanken ins Herz nicht hinein, denn in ihm ist statt der niedrigen Leidenschaften „das andere Begehren, das besser als diese ist“ (Hl. Isaak der Syrer). Nach den Worten des hl. Isaak dem Syrer ist er für die Leidenschaften gestorben; nicht weil er Verführungen und Gedanken als solche nicht mehr kennt, und auch nicht, weil er sie durch sein Urteilsvermögen und eigene Fähigkeiten überwinden könnte; sondern kraft der Wirkung der seine Seele erquickenden und sättigenden Gnade des Heiligen Geistes. Der Kampf mit den Gedanken ist ein Teil des seelischen (inneren) Podwigs des Christen, welcher durch das Gebet geleistet wird. Bei christlichen Asketen (vor allem in Klöstern) ist dieser Kampf unauflösbar mit der Praxis des inneren Tuns – des unablässigen Jesusgebets – verbunden.


Die Etappen der Einschleichung der Sünde in die Seele

Die Heiligen Väter und Asketen unterschieden einige aufeinander folgende Stadien der Entwicklung der Leidenschaft in der menschlichen Seele. Der erste Anstoß zur Einschleichung der Sünde in die Seele ist die Eingebung (Einschmeichlung, Suggestion, russ. помысел, griech. λογισμός). Dieser Begriff bedeutet die erste Berührung der Sünde mit dem menschlichen Bewusstsein. Die Eingebung, sowie auch die vier darauffolgende Stadien der Entwicklung der Leidenschaft, geschieht auf der Gedankenebene. Da gibt es jene sündigen Bilder, die wir aus der Außenwelt mittels Sinneseindrücke wahrnehmen, oder die im Bewusstsein als Ergebnis der Arbeit des Gedächtnisses oder des Vorstellungsvermögen heraufsteigen. Versuchen wir einmal, die Entwicklung der Sünde in der Seele am Beispiel des Diebstahls zu betrachten. Der Anstoß zur Eingebung, also zur Entstehung des Gedankens daran, dass es möglich sei, etwas zu stehlen, kann ein in der Zeitung gelesener Artikel oder der scherzhafte Vorschlag eines Anderen sein, oder ein solcher Gedanke taucht einfach beim Nachdenken über irgendeinen gefühlten Mangel auf.

Es kann gesagt werden, dass die Eingebung eine Vorstellung ist, die weder konkret noch lebhaft und auch nicht an das Gefühl des Genusses gekoppelt ist. Und obwohl so ein Zustand der Leidenschaftslosigkeitsideal wäre, wenn der Verstand des Asketen sogar von der einfachen Vorstellungen der Leidenschaften frei wäre, folgt aus der Eingebung noch keine Sünde; denn obwohl deren Vorstellung den Menschen bereits berührt hat, ist es ohne seinen Willen geschehen. Doch es ist bekannt, dass einige Heilige Väter, die viele Jahre ihres Lebens für den Kampf mit den Leidenschaften verbrachten, einen Zustand erreichten, in dem ihr Verstand so sehr vom Göttlichen gefesselt war, dass sogar abstrakte Gedanken an die Sünde ihr Bewusstsein nicht mehr berührten. Oder, wenn sie doch den Verstand berührten, wurden sie durch den geistlichen Vorkämpfer sofort in einen andere Bahn gelenkt. Hier ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie sündige oder einfach unpassende Gedanken im Bewusstsein des Asketen keinen Halt finden: „Manche Brüder prüften einmal den Abba Johannes den Kurzen, der seinen Gedanken nicht gestatte, sich mit Dingen zu beschäftigten, die zu dieser Welt gehörten. Sie sagten zu ihm: ‚Wir danken Gott: der Himmel hat uns in diesem Jahr mehrmals Regen gespendet, und die Dattelpalmen haben sich satt getrunken und werden reiche Früchte tragen, und die Brüder werden Arbeit finden.‘ Und Abba Johannes antwortete ihnen: ‚Auf dieser Weise wirkt auch der Heilige Geist; (die Herzen) erneuern sich und tragen Früchte in der Gottesfurcht.‘“

Aber die meisten Heiligen wurden bis zum Ende ihres Lebens durch die Sünde auf der Ebene der Eingebung versucht. Hier ist eines der Beispiele dafür: „Man sagte über einen von den Starzen, dass er fünfzig Jahre verbracht und immer in aller Ruhe und ohne Hast sein Brot gegessen und sein Wasser getrunken habe. Er sagte, dass er in sich die Unzucht, die Habgier und den Ehrgeiz abgetötet habe. Abba Abraham kam zu ihm und sprach: ‚Hast du diese Worte gesagt?‘. Der Starez sagte: ‚Ja‘. Abba Abraham entgegnete: ‚Wenn du in deine Zelle hineinkämst und auf deiner Matte eine Frau fändest - würdest du es schaffen, nicht zu glauben, dass es sich um eine Frau handele?‘ Der Starez sagte: ‚Nein; aber ich würde mit meinen Gedanken kämpfen, damit ich sie nicht anfasse‘. Abba Abraham sagte: ‚Also hast du die Leidenschaft nicht abgetötet, sondern sie lebt noch in dir; sie ist (nur) gezügelt. Und noch etwas: wenn du auf deinem Weg Steine und Scherben siehst, unter denen Gold liegt - würde dein Herz es schaffen, beides für dasselbe zu halten?‘. Der Starez antwortete: ‚Nein; aber ich würde mit meinen Gedanken kämpfen, um es nicht aufzuheben.‘ Der Abba sagte: ‚Also ist es wiederum so: deine Leidenschaft lebt; sie ist (nur) gezügelt.‘ Auch sagte der Abba Abraham: ‚Du hast von zwei Brüdern gehört, dass der Eine dich liebt und verherrlicht, der Andere dich aber hasst und beschimpft. Wenn sie zu dir kämen - würdest du sie beide mit den gleichen Gedanken empfangen?‘ Er sagte: ‚Nein; aber ich würde mit meinem Herzen kämpfen, um dem mich Hassenden ebenso wie dem mich Liebenden Gutes zu tun.‘ Und Abba Abraham sagte: ‚Also leben ja die Leidenschaften noch; nur sind sie bei den Heiligen gezügelt.‘“

Die Eingebung ist ein Prüfstein für unsere Vorlieben bzw. Willensäußerungen. Wachsam zu sein und die Sünde auf der Ebene der Eingebung zu verwerfen – das ist es, wozu die Heiligen aufgerufen haben. Aber obwohl die Sünde auf der Ebene der Eingebung die Seele nur äußerlich anficht, zeigt die Tatsache, dass das menschliche Herz allzu leicht bereit ist, auf diese Verführung einzugehen, die Anwesenheit des Bösen im Menschen selbst. Und in Abhängigkeit davon, in welchem Maße die Seele rein oder aber wie gewöhnt sie an die Sünde ist, erliegt der Mensch der Versuchung mehr oder weniger leicht. Wenn sich im Menschen aber keine spontane Abwehr gegen den neu aufgetauchten Gedankenzeigt, dann tritt die Sünde in ihre nächste Phase, die Verbindung (Annahme, russ. сочетание) - also die Vereinigung des Willens mit dem sündigen Gedanken. Auf dieser Stufe lässt der Mensch die sündigen Gedanken in sein Herz ein, sein Verstand konzentriert sich darauf, und der Mensch genießt diese Gedanken. Um die Entwicklung der Sünde jetzt noch aufzuhalten, bedarf es schon einer große Willensanstrengung: der Mensch muss die Vorstellung der Sünde entschlossen unterdrücken und nicht mehr zu ihr zurückkehren. Wenn auf der ersten Stufe dem Menschen, zum Beispiel, der Gedanke in den Kopf kam: in meinem Falle könnte ein Diebstahl helfen, dann sind seine Gedanken auf der nächsten Stufe mit dem Nachsinnen darüber beschäftigt, wie gut es wäre, tatsächlich zu stehlen.

Dann folgt die Zustimmung (russ. сложение): der Zustand, in dem der sündige Gedanke tief in die Seele eingedrungen ist. Vom einfachen Denken an die Sünde hat sich der Gedanke in ein reales Ziel umgewandelt, das der Mensch bei nächster Gelegenheit zu verwirklichen versucht. Auf dieser Stufe kann gesagt werden, dass die Sünde bereits verwirklicht ist; denn wenn vorher der Wille die Gefühle noch gesteuert hatte, ist er jetzt bereits von dem sündigen Wunsch versklavt worden, und der Mensch denkt bereits darüber nach, wie das Beabsichtigte zu verwirklichen wäre.

Wenn der Mensch noch nicht an die Sünde gewöhnt ist, erlebt er die nächste Stufe – den Kampf. Der Mensch kämpft mit sich selbst und kann sich noch zurückhalten; aber der Willewird schon so von der Sünde beherrscht, dass diese, wenn sie bis zu diesem Entwicklungsstadium zugelassen wurde, obsiegt. Wenn die Sünde aber der permanente Zustand einer Person ist, dann springt die Entwicklung der Leidenschaft sofort zur nächsten Stufe – zur Gefangenschaft. Wie bereits an der Bezeichnung zu erkennen ist, befindet sich der Mensch in diesem Stadium in der Gefangenschaft der Sünde und geht zur Verwirklichung des Beabsichtigten in die Praxis über.

Wenn der Mensch solche sündigen Bestrebungen zulässt, dann entwickelt sich in ihm eine sündige Gewohnheit. Die Seele, die an die Sünde gewöhnt ist, gibt sich ihr rasch und ohne Kampf hin. So entsteht im Menschen die Leidenschaft im engeren Sinne, also als unüberwindbare Herrschaft der Sünde über die Seele. Wenn der Mensch also in sich die Leidenschaft des Zornes zulässt, dann wird seine Seele oft und schnell in den affektiven Zustand des Zornes geraten, und die Leidenschaft wird den von ihr geblendeten Menschen noch eine lange Zeit beherrschen.

Erstveröffentlichung und Urheberrecht

  • Konstantin Parkhomenko: Азбука веры (Stand: 18. Januar 2011). Dieser Absatz ist eine (wahrscheinlich wörtliche) Übersetzung aus dem Russischen. Die Übersetzung besorgte Alexandra.

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