Christi Geburt

Aus Orthpedia
Wechseln zu: Navigation, Suche

Orthodoxes Glaubensbuch - Die Geburt Christi

Das Weihnachtsfest wird am 7. Januar (am 25. Dezember nach altem Kalender) gefeiert, neun Monate nach Mariä Verkündigung.

Christi Geburt oder Weihnachten ist nach Ostern das fröhlichste und feierlichste Fest im Jahr.

Weihnachten geht die Weihnachtsfastenzeit, auch Fastenzeit des hl. Philippus genannt, voran, welche 40 Tage dauert. Der Vortag von Weihnachten ist ein strenger Fasttag und heißt sočel’nik (Heiliger Abend). Diese Namensbezeichnung kommt vom Namen einer Speise – sočivo, die aus gekochtem Getreide und Beeren besteht. Der Tradition nach ist dies die einzige Speise, die man am Vortag von Weihnachten zu sich nehmen darf. Gewöhnlich isst man bis zum Erscheinen des ersten Sterns nichts. Unter dem ersten Stern versteht man den Stern, der sich nach der Abenddämmerung als erster am Himmel zeigt. In der kirchlichen Praxis jedoch bedeutet der Stern bisweilen den Zeitpunkt des Anbrechens des Festtags, und zwar wenn am Vortag von Weihnachten nach der Liturgie das Troparion “Deine Geburt, Christus, unser Gott...” zum ersten Mal gesungen wird. In diesem Moment gehen alle Geistlichen zur Weihnachtsikone in die Mitte der Kirche. Ihnen wird eine große Kerze vorangetragen, die den Stern von Betlehem symbolisiert, der den Magiern das Gotteskind gezeigt hat. Eben bis zum Erscheinen dieses “Sterns” isst man nichts.

Die Geburt Christi geschah nach der Verlobung der heiligen Jungfrau Maria mit Josef, einem alten und gerechten Mann: er war schon achtzig Jahre alt.

Josef stammte aus königlichem Geschlecht, aus dem Hause der Könige David und Salomo. Aus erster Ehe hatte er vier Söhne – Jakobus, Simon, Judas und Joses – und zwei Töchter. Nachdem seine Frau Salome gestorben war, lebte Josef ziemlich lange als Witwer und verbrachte seine Tage makellos. Er war Zimmermann und ein sehr armer Mensch.

Die Jungfrau Maria wurde ihm anvertraut, damit er sich um sie kümmere und ihre Jungfräulichkeit bewahre. Ihre Ehe war also keine echte Ehe, sondern nur eine vermeintliche. Schon bald stellte sich heraus, dass Maria ein Kind vom Heiligen Geist in sich trug. Josef war Zeuge des makellosen Lebens der Jungfrau Maria und, obwohl er ihr Mann genannt wurde, war er nur ihr Beschützer. Der Herr wollte dem Teufel das Geheimnis der Geburt Seines Sohnes verbergen, und deshalb wurde die Heilige Jungfrau dem gerechten Josef zur Frau gegeben, damit der Feind nicht wisse, dass es ebendiese Jungfrau ist, über die der Prophet Jesaja gesagt hatte, dass sie den Erlöser gebären werde. Josef wusste am Anfang selbst nichts davon, dass Maria bald ein Kind gebären sollte. Nachdem Maria drei Monate bei Elisabet, ihrer Verwandten, gewesen war, wurde ihre Schwangerschaft offensichtlich, und Josef war sehr bestürzt und betrübt, als er davon erfuhr. Er dachte, dass Maria das Gelübde der Jungfräulichkeit gebrochen habe.

Er selbst war ein gerechter Mann, und wollte, dass das, was geschehen war, nicht überall bekannt wurde, und beschloss deshalb, Maria entweder heimlich fortzuschicken oder selbst zu gehen. Da aber erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte:

– Fürchte dich nicht, Josef, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen. Sie ist deine Frau, weil sie dir angetraut ist, aber auch Jungfrau, weil sie Gott ein Gelübde abgelegt hat. Fürchte dich nicht. Ihr Kind ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären, und du als Vater wirst ihm einen Namen geben, obwohl du nur sein vermeintlicher Vater bist. Du wirst das Kind Jesus nennen. Er ist der Erlöser und wird Sein Volk von seinen Sünden befreien. Als Josef erwachte, tat er alles so, wie es ihm der Engel gesagt hatte, und nahm Maria zu sich und diente ihr in Frömmigkeit und Furcht, weil er jetzt wusste, dass sie die Mutter des Erlösers sein wird. Vor der Geburt Christi und auch nach der Geburt wagte es der alte Mann nicht, Maria zu berühren, weil er sie so tief verehrte, wie ein Diener seine Herrin. Vor und nach der Geburt blieb Maria Jungfrau. So lehrt es die heilige Kirche, so sagen es einstimmig die Heiligen Väter.

In jener Zeit befahl der römische Kaiser Augustus, in allen Rom damals bekannten und unterstehenden Ländern eine Volkszählung durchzuführen. Augustus war der Neffe des Julius Caesar. Nachdem er alle Rivalen besiegt hatte, errang er die volle Macht und wurde zum einzigen Herrscher über das riesige Römische Reich.

Jetzt wollte er alle seine Untertanen zählen, darunter auch all jene, die in den Randgebieten und Provinzen lebten, deren eine Israel war. Alle mussten in die Stadt gehen, aus der sie stammten und sich dort bei den Volkszählern melden.

Josef lebte mit Maria in Galiläa in der Stadt Nazaret, aber sie stammten aus dem Geschlecht des Königs David, und mussten deshalb nach Betlehem gehen. Betlehem ist eine kleine Stadt unweit von Jerusalem, in südlicher Richtung. Es lag auf dem Weg nach Hebron, der Stadt der Priester, wo Maria unlängst bei ihrer Verwandten Elisabet und ihrem Mann, dem Priester Zacharias, den Eltern Johannes des Täufers, zu Gast gewesen war. Betlehem liegt etwa auf halbem Weg von Jerusalem nach Hebron. Von Nazaret bis nach Betlehem dauerte die Reise ungefähr drei Tage oder etwas länger. Der Vorfahre Josefs, der Prophet und Psalmensänger David, war in Betlehem geboren und hier auch zum König gesalbt worden. Östlich der Stadt befand sich der Brunnen Davids und ihm gegenüber eine Höhle in einem felsigen Berg, auf dem die Stadt Betlehem lag. Neben der Höhle war ein Feld, das Salome, einer Verwandten Marias und Josefs, gehörte. Als sich die heiligen Wanderer der Stadt näherten, kam die Zeit, da Maria gebären sollte. Josef suchte einen dafür geeigneten Ort, fand aber keinen. Auf Grund der Volkszählung waren sehr viele Menschen nach Betlehem gekommen. Die Herberge war überfüllt, und in allen Häusern waren Gäste untergebracht. Maria und Josef kehrten zu der Höhle zurück, da sie nirgends Platz gefunden hatten und der Tag zur Neige ging.

Diese Höhle war ein Ort, an dem man das Vieh für die Nacht unterstellte, und hier sollte der Erlöser der Welt geboren werden. Hier gebar die Jungfrau Maria, während sie zu Gott betete, in der Nacht schmerzlos unseren Herrn Jesus Christus. Niemand half ihr; es war auch nicht nötig. Maria wickelte den Neugeborenen selbst in Windeln.

Der Überlieferung nach erfolgte die Geburt Christi um Mitternacht von Samstag auf Sonntag. In der Welt geschahen während der Geburt Christi große Wunder. Zum Zeitpunkt der Geburt des Erlösers tat sich in der Höhle eine Quelle auf, die aus einem Stein sprudelte; weit davon entfernt, in Rom, entsprang eine Quelle wohlriechenden Öls und floss in den Fluss Tiber. Der heidnische Tempel, der Ewiger Tempel genannt wurde, stürzte ein, die Götzenbilder in ihm fielen zu Boden, und am Himmel erschienen drei Sonnen. In Spanien erschien in dieser Nacht eine Wolke, die in blendendem Licht erstrahlte, in Israel erblühten die Weingärten, obwohl es Winter war.

Besonders wunderbar war die Erscheinung der Engel, über die im Evangelium berichtet wird: Engel stiegen singend vom Himmel herab, und die Menschen konnten sie klar sehen. Es geschah so: Gegenüber der Höhle, in der Christus geboren wurde, war ein großer Turm, der Ader genannt wurde; in ihm lebten Hirten. Drei von ihnen schliefen in dieser Nacht nicht, sondern bewachten die Herde, und ihnen erschien in großem Glanz der Erzengel Gabriel, der in himmlischer Herrlichkeit erstrahlte. Als ihn die Hirten sahen, erschraken sie sehr. Aber Gabriel sprach zu ihnen: “Fürchtet euch nicht!” Er erzählte von der Freude, die mit der Geburt des Erlösers in die Welt gekommen war. Er sagte ihnen, wo sie das Kind finden konnten, das gewickelt in einer Krippe lag. In der Zeit, als Gabriel ihnen alles erzählte, hörte man plötzlich vom Himmel den Gesang vieler Engel, die Gott mit folgenden Worten priesen: “Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen.”

Nachdem sie sich beraten hatten, beschlossen die Hirten, zum Geburtsort des Kindes zu eilen und zu sehen, ob es wahr sei, was ihnen der Erzengel Gabriel erzählt hatte. Als sie dort angekommen waren, sahen sie alles so, wie es ihnen gesagt worden war: die Allreine Gottesmutter, den heiligen Josef und das Kind, das in der Krippe lag. Die Hirten glaubten, dass Er Christus, der Herr und Erlöser, ist, den sie erwartet hatten und der nun endlich gekommen war, um die ganze Menschheit zu retten. Sie erzählten über die Erscheinung der Engel und verneigten sich vor dem Kind. Josef, Salome und alle, die zu der Höhle gekommen waren, wunderten sich über die Erzählung der Hirten. Maria aber hörte still zu und bewahrte diese Worte in ihrem Herzen. Etwas später kehrten die Hirten, Gott lobend und preisend, zu ihren Herden zurück.

Einige Monate vor der Geburt Christi war am Himmel ein seltsamer Stern erschienen. Die östlichen Gelehrten und Philosophen bemerkten ihn und begannen zu rätseln, warum er erschienen war. Wie die Heiligen Väter berichteten, begann der Weihnachtsstern genau in dem Augenblick am Himmel zu leuchten, als der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria verkündete, dass sie den Erlöser der Welt gebären werde. Die Weisen wussten dies nicht, wunderten sich sehr über die Erscheinung des Sterns und fragten sich, was sie zu bedeuten habe. Drei von ihnen, einer aus Persien, der zweite aus Äthiopien und der dritte aus Arabien, wurden von Gott auf wundersame Weise belehrt, dass der neue Stern die Geburt des Messias, Christi, des Königs des Himmels und der Erde, anzeige. Und als nur noch wenig Zeit bis zur Geburt Christi verblieb, brachen die Weisen eilig auf und gingen dem Stern nach, jeder aus seinem Land. Unterwegs trafen sie zusammen, und nachdem sie erfahren hatten, dass sie dasselbe Ziel hatten, glaubten sie noch mehr an die Wahrheit dessen, was ihnen durch Gott geoffenbart worden war. Die Weisen erreichten Palästina und kamen schließlich am Tag der Geburt Christi in die Hauptstadt Judäas, Jerusalem. Die Nachricht darüber, dass in die Stadt Weise aus dem Osten gekommen seien, die noch dazu in ihren Ländern angesehene Menschen und Herrscher waren und nach dem neuen König fragten, wurde Herodes hinterbracht, der zu jener Zeit über das Land herrschte. Der König Herodes erschrak sehr. Er ließ Priester und besonders gesetzeskundige Schriftgelehrte zu sich kommen und fragte sie, wo der Messias geboren werden sollte.

Die Berater des Herodes antworteten: Es soll in Betlehem in Judäa geschehen. Darauf schickte Herodes nach den Weisen, empfing sie mit Ehren und fragte sie nach der Zeit der Erscheinung des Sterns; schließlich sprach er zu ihnen, wobei er seine böse Absicht verheimlichte: “Geht, macht den neugeborenen König ausfindig. Wenn ihr ihn gefunden habt, sagt es mir, damit auch ich kommen und ihn verehren kann.”

Als die Weisen Jerusalem verlassen hatten, erschien ihnen sogleich wieder der wegweisende Stern. Sie freuten sich sehr und folgten ihm. Dieser Stern war ungewöhnlich, weil er der Erde sehr nahe gekommen war, und schließlich blieb er über der Höhle stehen, wo das Kind war. Als die östlichen Weisen und Herrscher die armselige Umgebung sahen, verstanden sie, dass das Reich des Neugeborenen nicht in Pracht und herrlichen Gemächern bestehe, sondern in Armut, Demut und Verachtung der weltlichen Ehren. Die heidnischen Weisen verloren jedoch den Glauben nicht, der sie hierher geführt hatte, selbst als sie ein für sie so unerwartetes Bild erblickten. Im Gegenteil, ohne jede Verwirrung und ohne Murren betraten sie den Viehstall. Sie gingen sofort zur Krippe, fielen auf die Erde nieder und beteten das Kind an. Sie verneigten sich vor ihm nicht nur als König, sondern auch als Gott.

Die Weisen hatten Gaben mitgebracht: einer Gold, der andere Weihrauch, der dritte ein wohlriechendes Öl (Myrrhe). Das Gold wurde Christus als König dargebracht, der Weihrauch Christus als Gott und die Myrrhe Christus als Menschen, weil man mit Myrrhe den Leichnam der Toten einbalsamierte.

Als die Weisen Betlehem verlassen hatten, erschien ein Engel des Herrn Josef im Traum und sagte ihm, dass er mit dem neugeborenen Kind Jesus Christus und mit Seiner Mutter, der Allreinen Jungfrau Maria, nach Ägypten fliehen und dort so lange bleiben solle, bis ihm der Engel befehlen werde zurückzukehren. Herodes trachte nach dem Leben des Kindes. Josef erwachte, stand sogleich auf, nahm das Kind und Seine Mutter und brach noch in der Nacht nach Ägypten auf.

Es begleitete sie der älteste Sohn Josefs, Jakobus, der später Bruder des Herrn genannt wurde. Er half unterwegs dem betagten Josef und Maria mit dem Kind.

Es ist nicht bekannt, wie lange Zeit der Herr in Ägypten verbrachte. Einige sagen, es seien zwei Jahre gewesen, andere meinen fünf Jahre, wieder andere nennen die Zahl sieben. Eines ist aber sicher: Die Heilige Familie lebte dort, bis Herodes starb. Nach seinem Tod erschien der Engel des Herrn Josef wieder im Traum und befahl ihm, in seine Heimat zurückzukehren.

Zuerst wollte Josef nach Judäa gehen, aber als er erfuhr, dass dort an Stelle des Herodes sein Sohn Archelaus regierte, überlegte er es sich anders. Archelaus war der grausamste der drei Söhne des Herodes. Er begann seine Herrschaft damit, dass er dreitausend Menschen töten ließ, viele ließ er an Festen mitten im Tempel martern, und er war deshalb bei seinem Volk verhasst.

Die Söhne des Herodes hatten das Reich in vier Teile geteilt. In Galiläa herrschte Herodes Antipas, der sanfter als sein Bruder Archelaus war, und deshalb beschloss Josef, nach Galiläa zu ziehen. Ebendas hatte der Engel gesagt, als er Josef abermals erschien. Die Heilige Familie zog in das Haus, wo sie auch früher gewohnt hatte.


Die Gottesdienste des Weihnachtsfestes sind feierlich und erhaben. Viele Gesänge sind speziell für dieses Fest geschrieben worden. Die Farbe der liturgischen Kleidung ist Gold.


Troparion, 4. Ton:

Deine Geburt, Christus, unser Gott, ließ erstrahlen der Welt das Licht der Erkenntnis; denn in ihm wurden die Anbeter der Gestirne von einem Stern belehrt, Dich anzubeten als die Sonne der Gerechtigkeit und Dich zu erkennen als den Aufgang aus der Höhe. Herr, Ehre sei Dir!


Kontakion, 3. Ton:

Die Jungfrau gebiert heute den, der vor allem Sein ist, und die Erde bietet eine Höhle dar dem Unfassbaren; die Engel lobpreisen mit den Hirten; die Magier wandern dem Sterne nach; denn für uns ist geboren worden als kleines Kind der urewige Gott!

Die Kirchen und die Häuser werden für dieses Fest mit Weihnachtsbäumen geschmückt. Zu Hause wird auf den Baum außer dem üblichen Schmuck ein achtzackiger Stern angebracht als Symbol des Sterns von Betlehem, der die Weisen zum Gotteskind geführt hat.

Die dem Weihnachtsfest folgenden zehn Tage werden auch Heilige Tage (russ. святки) genannt. An diesen Tagen gibt es kein Fasten. Es sind Tage der Freude.

Ikonographie

Orthodoxes Glaubensbuch - Die Ikonographie des Festes

Geburt Christe, Kappadokien zwölftes Jh.jpg

Im Zentrum der Ikone wird gewöhnlich die Höhle dargestellt, darin eine rote Bettstatt, auf der die Gottesmutter ruht. Daneben in der Krippe liegt das Kind in Windeln, dahinter stehen Ochs und Esel. Am Himmel sieht man den Stern von Betlehem, seine Strahlen fallen auf Jesus Christus. Im Bergland sehen wir Engel, die drei Weisen mit ihren Gaben und Hirten.

Unten sitzt der nachdenkliche Josef, neben ihm steht ein alter Mann in einem Fell, der den “Geist des Zweifels” symbolisiert. Rechts unten sehen wir die Szene des Badens des Kindes: zwei Frauen halten das Kind und einen Krug mit Wasser.

Eine derartige Ikone Andrej Rublevs befindet sich in der Festtagsreihe der Ikonostase der Mariä-Verkündigungs-Kathedrale im Moskauer Kreml.

Orthodoxes Glaubensbuch

Vorheriges Kapitel ( Orthodoxe Feste )

Inhaltsverzeichnis & Copyright

Nächstes Kapitel ( Die Beschneidung des Herrn )


Johannes R. Nothhaas: Weihnachten, Fest der Menschwerdung des Sohnes Gottes

Die Geburt Jesu Christi hat die Geschichte der Menschheit so sehr geprägt, dass man sie zum Mittelpunkt der christlichen Zeitrechnung erklärt hat. In ihr werden die Ereignisse und Jahre vor und nach der Christi Geburt gezählt. Auch die Verfasser der Evangelien haben schon die Bedeutung der Menschwerdung des Gottessohnes so gesehen.

Der Evangelist Lukas stellt die Geburt des Heilandes in den großen Rahmen der Weltgeschichte: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass von Kaiser Augustus ein Gebot ausging, dass alle Welt geschätzt würde ... da Quirinius Statthalter in Syrien war ... Da machte sich auf auch Josef ... zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem ...“ Es folgt der Bericht über die Geburt Jesu in einer Notunterkunft, und wie das Kind in eine Futterkrippe von Tieren gebettet wird. Am Anfang des Berichts steht der römische Kaiser Augustus, der damals auf dem Höhepunkt seiner Macht und des römischen Weltreiches stand. Ihm, dem mächtigsten Mann der damaligen Welt, der in seinem Palast in Rom residierte, stellt der Evangelist Lukas den kommenden Allherrscher gegenüber. Er ist das neugeborene Kind, das in einer Randprovinz des Weltreiches in einem Provinzstädtchen namens Bethlehem in größter Armut geboren wird und einen Futtertrog von Tieren als seine Lagerstadt hat. Dass diese Höhle, die Haustieren als Stall dient tatsächlich der „Palast“ des Heilandes der Welt ist, wird deutlich an den Ereignissen, die sich um diese Geburt ranken: Den Hirten auf den Hügeln um Bethlehem erscheint ein Engel in strahlender Gestalt, der ihnen verkündet: „Euch ist heute der Heiland geboren“. Er weist ihnen den Weg zu der Höhle, wo sie das neugeborene Kind finden. Und dann heißt es:

„Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die Gott lobten mit den Worten: Ehre in den Höhen Gott und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“ (Lk 2,14).

Der Friede, der hier von den Engeln ausgerufen wird, erhält eine Einschränkung: nämlich nur bei den Menschen „seines Wohlgefallens“, d.h. die so leben, wie es Gott gefällt. Damit aber ist den Menschen auf Erden ein Friede gegeben, der alle menschlichen Grenzen sprengt. Es ist der göttliche Friede für alle Zeit und Ewigkeit, der hier bei den Menschen ankommt mit der Geburt dieses Kindes.

Der Evangelist Matthäus erhebt die Geburt des Gottessohnes zum Ziel der Geschichte des Volkes Israel, wenn er ihn als Nachfahre und Nachfolger des Königs David im Stammbaum des jüdischen Volkes nennt. Gott hatte David durch den Propheten Nathan verheißen, dass das Königtum beim Hause Davids bleiben soll für alle Zeiten:

„Ich will deinen Samen nach dir erwecken, der von deinem Leibe kommen soll; dem will ich sein Reich bestätigen. Der soll meinem Namen ein Haus bauen, und ich will den Stuhl seines Königtums bestätigen ewiglich“ (2 Sam 7,12f.)

Diese Nathan-Verheißung an David steht tatsächlich in der Mitte der Geschichte Israels. Nach der Herausführung Israels aus Ägypten und seiner Hineinführung in das gelobte Land beginnt mit dieser Verheißung ein neuer Bogen in der Geschichte dieses Volkes. Er spannt sich vom Zusammenbruch der davidischen Königsherrschaft über eine Zeit des Wartens auf den anderen König aus dem Hause Davids und mündet schließlich in die Erfüllung in Jesus von Nazaret, dem Sohne Davids, wie der Stammbaum es bei Matthäus zeigt.

Da Abraham am Anfang des Stammbaumes bei Matthäus steht, ist er sowohl für das Volk Israel als auch für viele Völker der Urvater. Der Segen, mit dem Gott ihn segnet, gilt nicht allein für Israel, sondern für alle Völker der Erde. „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“ (Gen 12,3).

Matthäus reißt jedoch noch einen weiteren Horizont auf, der das Kommen des neuen Königs in kosmischer Weite anzeigt. Mit einem Stern kündet der Kosmos seine Herrschaft an, der die Weisen und Sterndeuter aus dem Osten nach Palästina führt. Als sie in Jerusalem angekommen bei dem dortigen König Herodes nach dem Geburtsort des neuen Königs fragen, geben seine Schriftgelehrten den richtigen Hinweis auf die Prophetie des Propheten Micha:

Und du Bethlehem im jüdischen Lande, bist keineswegs die kleinste unter den Städten in Juda; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk weiden soll“ (Mi 5,1).

Denn Bethlehem ist der Geburtsort Davids, wo er auch durch den Propheten Samuel zum König geweiht wurde. Dorthin ziehen die Weisen, „fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an“ (Mt 5,11).

So weitet der Evangelist Matthäus die Herrschaft des neuen davidischen Königs über die Grenzen Israels hinaus und bezieht alle Völker in seinen Herrschaftsbereich mit ein. Auch das All mit seinen Gestirnen steht in seinem Dienst. Er ist fürwahr ein Allherrscher, wie die Griechen ihn später bezeichnen werden. Die Wiesen erkennen seine göttliche Würde und verleihen dem Ausdruck durch ihren Kniefall und ihre Anbetung.

Der Evangelist Johannes erhebt die Geburt Jesu Christi zu einem Geschehen zwischen Himmel und Erde. Das zeigen schon die ersten Worte seines Evangeliums. „Im Anfang...“ Es sind die gleichen Worte, mit denen der Schöpfungsbericht beginnt. Damit will der Evangelist sagen, dass das Kommen des Gottessohnes zu den Menschen einer Neuschöpfung des Kosmos gleichzusetzen ist. Diese nimmt ihren Ausgang von durch sein schöpferisches Wort. So geschah es am Anfang. Gott sprach: „ Es werde ...“, und also war es da. Und am Ende schuf Gott den Menschen. In seiner Neuschöpfung ist die Reihenfolge entgegengesetzt. Vor aller Neuschöpfung der Materie steht diesmal der neue Mensch. Dieser ist vor aller Zeit aus Gott und bei Gott und ist selber Gott: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“ (Joh 1,1).

Sein Name ist „Wort“ (griech. λόγος). Das griechische Wort „logos“ ist viel umfassender, als das, was die Übersetzung mit „Wort“ besagt. „Logos“ ist damals „das edelste Erbe der griechischen Geistesarbeit“ (Romano Guardini) und meint das, was den Kosmos im Innersten zusammenhält. Es eine philosophische Provokation höchster Art, wenn Johannes diesen Ausdruck als Ehrentitel für den Gottessohn den Griechen entwendet. Aber noch provozierender ist, dass der Evangelist nun den niedrigsten und abschaumigsten Begriff, den sich Griechen vorstellen können, nämlich „Fleisch“, Kennzeichen menschlicher Verderbtheit und Sterblichkeit, verwendet, um ihn als Hülle für den Logos, jenen höchsten Idealbegriff, zu benutzen. Ihr Edelstes in das Niedrigste zu verpacken, war den Griechen eine philosophische „Blasphemie“. Das ist der revolutionärste und provokanteste Satz in der menschlichen Geistesgeschichte: „Und das Wort ward Fleisch“ Beschreibung der Geburt Jesu Christi. Mit ihr beginnt die Neuschöpfung des Menschengeschlechts, weil nun wieder wie im Paradies Gott nicht nur bei den Menschen wohnt, sondern im Menschen Wohnung nimmt. ER wohnt ein in dem Leib einer Frau, der Jungfrau Maria, und erhebt damit das weibliche Geschlecht zur Paradieseswürde. Er wohnt ein in der Gestalt des Mannes Jesus von Nazaret und hat damit den Typos des neuen Adam zur ewigen Gemeinschaft mit Gott geschaffen. Mit der Schwangerschaft dieser Jungfrau und der Geburt des Jesusknabens ist die paradiesische Menschheit in die Geschichte eingetreten. Weihnachten ist mit diesem Geschehen der beseligende Anfang der Neuschöpfung der Menschheit.

Erstveröffentlichung und Urheberrecht

Priester Johannes R. Nothhaas, Orthodoxe Gemeinde des Hl. Christophorus, Mainz. Bei Fragen an den Autor zum Artikel und dem orthodoxen Glauben: nothhaas@googlemail.com.Der Artikel als Faltblatt: Datei:Weihnachten 1.doc Der Artikel als Faltblatt: Datei:Weihnachten 1.doc

Johannes R. Nothhaas: Weihnachten, das Fest der Menschwerdung Gottes

Auch wenn die Orthodoxe Kirche das Geburtsfest Christi nicht romantisch verkleidet, so benutzt sie doch neben historischen Erinnerungen auch poetische Motive, um das Geschehen in seinem tieferen Sinn deutlich zu machen. Wer solchen Bildern begegnet, darf sie nicht befragen: „Wann und wo ist das geschehen?“ Er muss vielmehr die Frage stellen: „Worauf will dieses Bild hinweisen?“ In der bildhaften Darstellung sowohl der Ikonen als auch der liturgischen Dichtung geht es nicht nur um historische Fakten, sondern um die tiefere theologische Wahrheit. Die rein historische Auslegung von Schrift und Tradition der Kirche der neueren westlichen Theologie muss an der Unfassbarkeit des Heilsgeschehens scheitern. Für die Orthodoxe Kirche ist die allegorische oder pneumatische (geistliche Auslegung) von Schrift und Tradition nach wie vor unverzichtbar. Hat nicht auch Christus in seiner Verkündigung des Evangeliums ständig Bilder und Gleichnisse benutzt? Die Ikonen und die Tradition der liturgischen Poesie in Troparien und Kondakien sind daher die angemessenen Mittel der christlichen Verkündigung.

So fasst die Ikone der Christgeburt die wesentlichen Inhalte dieses Geschehens zusammen.

Am oberen Bildrand der Ikone erscheint der Engel mit der Heilsbotschaft der Geburt des Kindes im göttlichen Licht vor den Hirten, sowie die ganze Heerschar lobpreisender Engel am Himmel. Beide Erscheinungen (im göttlichen Licht, sowie die große Zahl) sind einmalig in der ganzen Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments. Die himmlische Welt in der höchsten, unfassbaren Dimension ist in Bewegung geraten und begegnet den einfachen und ärmsten unter den Menschen. Auch sie finden sich mit den Engeln ein zur Anbetung des Gottessohnes in der Futterkrippe.

Der Evangelist Lukas stellt die Geburt des Heilandes in den großen Rahmen der Weltgeschichte, der Schätzung des Erdkreises unter Kaiser Augustus. Der Evangelist Matthäus lässt die Geburt des göttlichen Kindes im noch größeren kosmischen Rahmen der Bewegung der Gestirne geschehen. Der Stern von Bethlehem ist eine Sternenkonjunktion am damaligen Himmel, die tatsächlich stattgefunden hat. Der genaue Zeitpunkt spielt da keine wesentliche Rolle. Entscheidend ist, dass der Kosmos die Zeitenwende ankündigt.

Die geographische Weite dieser Geburt ist in den Magiern, die fern vom Osten her den Weg zur Anbetung des neuen Königskindes suchen, angedeutet. Sie haben als Beobachter der Gestirne das Zeichen des Himmels erkannt.

Am unteren Bildrand sitzt Joseph, getrennt von der Gottesmutter, in Zweifeln über die Herkunft des Kindes versunken. Es ist kein Zufall, dass beide kaum je gemeinsam in Freude über das Kind zusammen dargestellt werden, wie dies in westlichen Krippenszenen geschieht. Die Gestalt im Fellgewand, die vor ihm steht, wird meist gedeutet als der Prophet Jesaja, der Joseph helfen will, die von ihm ausgesprochene: „Siehe, die Jungfrau wird schwanger und gebiert einen Sohn, und man wird ihm den Namen Immanuel geben“ (Jes 7,14) zu verstehen.

In der Bildmitte befindet sich die Höhle, in die der Lichtstrahl des Sternes einfährt. Die Höhle weist auf die Beziehung zwischen Geburt und Tod Jesu Christi hin. Denn die Geburt ist gleichsam die erste Station auf dem Weg zum Tod, der mit der Bestattung in der Grabeshöhle besiegelt wird. In der Erdhöhle, die als Stall, als Unterkunft für das Vieh, in Bethlehem aus alter Zeit belegt ist, befinden sich Ochs und Esel. Christus liegt zwischen beiden Tieren, was an Jes. 1,3 erinnert, wo es heißt: „Der Ochse kennt seinen Meister und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel hat keine Einsicht, mein Volk keinen Verstand“. Die altkirchlichen Väter haben bisweilen den Ochsen als Symbol für die Heidenvölker und den Esel als Symbol für das störrische Volk Israel interpretiert.

Außerhalb der Höhle liegt auf einem Purpurkissen die Gottesgebärerin abgewandt vom Kind. Da ist nichts von einer Mutter-Kind-Idylle wie auf den mittelalterlichen Geburtsdarstellungen zu sehen. Sie schaut das Kind nicht an, sondern blickt in die Ferne, als ob sie den Weg des Kindes in den Tod in einer geistlichen Schau voraussieht.

Das Ende dieses Weges des Gottessohnes findet sich hinter ihr dargestellt. Dort liegt das Kind nicht in einer Krippe auf Stroh gebettet und in Windeln gewickelt, sondern anstelle der Krippe dient ein steinerner Sarkophag als Lagerstatt. Anstelle der Windeln ist der Neugeborene wie ein toter Mann in Leichentücher gehüllt aufgebahrt. Umrahmt wird diese Krippenszene von der Erdhöhle wie von einer Grabeshöhle. Nun wird deutlich, warum hier keine Mutterfreude aufkommen kann. Anstelle von Idyllik und Weihnachtszauber ist hier die harte Realität des göttlichen Auftrags dieses Kindes in seiner Tiefe angedeutet. Der neue König, den die Magier aus den fernen Ländern anbeten wollen, dessen Mutter wie eine Kaiserin auf einem Purpurdiwan ruht, geht ein in die tiefste Niedrigkeit nicht nur einer Behausung für die Tiere, sondern weit tiefer in die tiefste Gottesferne, in den Tod. Dort will er die gefangene Menschheit aller Zeiten erretten. Dies wird in hymnischer Form im Festkondakion besungen: Die Jungfrau gebiert heute den, /

er vor allem Sein war. /

Und die Erde bietet eine Höhle dem Unnahbaren. /

Die Engel lobsingen mit den Hirten. /

Die Weisen wandern dem Sterne nach.

Denn für uns ist geboren

der kleine Knabe, vor den Äonen Gott. /

Erstveröffentlichung und Urheberrecht

Priester Johannes R. Nothhaas, Orthodoxe Gemeinde des Hl. Christophorus, Mainz. Bei Fragen an den Autor zum Artikel und dem orthodoxen Glauben: nothhaas@googlemail.com.
Der Artikel als Faltblatt: Datei:Weihnachten 2.doc

Johannes R. Nothhaas: Fest der Christgeburt

Die Blütezeit in der Geschichte des Volkes Israel war die Zeit der Königsherrschaft Davids. Als David dem Herrn ein Haus bauen will, verkündet ihm der Prophet Nathan, dass er das nicht tun soll. Vielmehr will der Herr ihm ein Haus bauen: „Und der Herr verkündet dir, dass der Herr dir ein Haus bauen will“ (2 Sam 7,11). Es folgt die weitreichende Verheißung, dass Gott ihm ein Haus bauen will:

„Ich will deinen Samen nach dir erwecken, der von deinem Leibe kommen soll; dem will ich sein Reich bestätigen. Der soll meinem Namen ein Haus bauen, und ich will den Stuhl seines Königtums bestätigen ewiglich“ (2 Sam 7,12f.)

Was wurde aus diesem Königtum Israels? Nach Salomon beginnt eine absteigende Linie. Die Zensuren, die den Königen im Alten Testament erteilt werden, fallen fast durchgehend negativ aus: „Sie taten, was böse war vor Jahwe“. Und hier erhebt sich nun doch die sehr naheliegende Frage: Wie endet das unter der so großen Verheißung stehende Königtum Israels? Konnte sein, dass die Gnade Gottes unter der menschlichen Sünde erlöscht? Das Geschichtswerk der Königsbücher endet damit, dass der letzte König Judas gefangen nach Babylon weggeführt und eingekerkert wird. Später wird er begnadigt und darf am Tisch des nachfolgenden babylonischen Königs bis an seinen Todestag sein Gnadenbrot fristen. Diese verhaltene Darstellung vom Ende des Königtums hat etwas Schwebendes mit der hinter ihr stehen Nathanverheißung. 600 Jahre später beherrscht der römische Kaiser Augustus die damalige Welt um das Mittelmeer. Ein Stern von besonderer Helligkeit erscheint am Himmel. Selbstverständlich deutet der Kaiser in Rom diesen Stern auf sich als Zeichen des Friedensfürsten, des Retters der Welt. Zur gleichen Zeit des Sternes am Himmel wird in einem kleinen Provinzstädtchen in Palästina ein Kind geboren, von dem es heißt es sei der neue König in Israel, weil drei weit angereiste Sterndeuter so die auffällige Himmelserscheinung deuten. Der von Rom eingesetzte König über die Provinz fürchtet um seinen Thron und befiehlt die Ermordung aller Kinder unter 2 Jahren in dem Geburtsort, Bethlehem.

Dann hört man dreißig Jahre nichts von diesem König, bis der inzwischen zum Mann Herangewachsene den Anbruch des Gottesreiches verkündete und auf wundersame Weise Kranke heilt. Er erregt Aufsehen im Volk und zieht die Feindschaft der Schriftgelehrten und Pharisäer des jüdischen Volkes auf sich. Alle Zeichen des zu erwartenden Messias und Königs der Endzeit nimmt er in Anspruch und wird dafür zum Tode verurteilt und von den Römern gekreuzigt. An seinem Kreuz ist in drei Sprachen eine Schrift angebracht: „König der Juden“. Seine Anhängerschaft, insbesondere seine 12 Jünger, haben ihn verlassen und sind aus Angst vor den Juden untergetaucht. Für den damaligen Zeitgenossen, der den Ausgang seines Wirkens erlebt hat, musste sich die Frage erheben: Und dieser soll der Retter und König Israels sein?

Und doch konnten die Menschen der damaligen Zeit schon erleben, wie sich das Evangelium von Jesus, dem Christus, schon innerhalb von 3 Jahrzehnten von Jerusalem über Klein Asien, Griechenland Rom hin ausgebreitet hatte. Nach vielen Verfolgungen und Leiden hatte sich die christliche Botschaft nach drei Jahrhunderten sogar das ehemals feindliche Weltreich der Römer ohne Gewalt unterworfen. Nach zwei Jahrtausenden müssen wir uns fragen: Wer war dieses Kind zu Bethlehem, das von Palästen Davids nur eine Höhle erbte? Wer war dieser König, der nicht auf einem Wagen daherfuhr, sondern auf dem Rücken des verachteten Esels ritt? Wer ist dieser König, dem kein Weltreich gehorchte, der keine 30 Legionen befehligte wie der römische Kaiser, und doch noch heute in allen Erdteilen seine Anbeter hat? Allein diese Tatsache erhebt ihn über die großen der Gestalten der Geschichte.

Wer ist dieser König in Bethlehem in einem Schafstall geboren, der nach fast 2000 Jahren immer noch die Herzen der Menschen erwärmt und für sich und seine Kirche gewinnt? So müssen wir uns fragen, die wir die Geschichte von seiner Geburt gehört haben. Genau auf diese Frage will uns das Evangelium der Christgeburtsnacht antworten. Alle vier Evangelien haben eins gemeinsam, wenn sie von der Geburt Jesu Christi reden: Sie sprengen den engen Horizont des sogenannten modernen Menschen. Dieser meint, es gebe nur eine Wirklichkeit, nämlich das, was er mit seinen fünf Sinnen und seiner persönlichen Erfahrung wahrnehme. So behauptet er z. B.: „Engel, die gibt’s nicht“. Das ist eine der typischen verführerischen Halbwahrheiten. Halbwahr, weil es stimmt, dass Menschen, die sich nicht um Gott und nur um sich selbst kümmern, keine Begegnungen mit den Boten des Himmels erleben. Diese Erfahrung trifft aber nicht für alle Menschen zu. Ein ganz anderer weiter Erfahrungshorizont begegnet uns bei allen Personen, die mit der Geburt Jesu zu tun haben. Sie sind fast alle diesen Boten des Himmels begegnet:

Da ist an erster Stelle die Mutter des Herrn, der neun Monate vor seiner Geburt von einem Engel die Kunde von der jungfräulichen Zeugung ihres Kindes durch den Heiligen Geist mitgeteilt wird.

Da ist der Pflegevater Josef, der durch einen Engel erfährt, dass seine schwangere Verlobte ihm nicht untreu gewesen ist.

Da sind die Hirten von Bethlehem, die eine doppelte Erfahrung mit Engeln machen. Sie erfahren von der Geburt des Heilandes durch einen Engel und erleben dann die Heerscharen der lobpreisenden Engel am Himmel.

Da ist der Tempelpriester Zacharias, der durch einen Engel von der zukünftigen Geburt seines Sohnes des Vorläufers und Propheten Johannes des Täufers erfährt.

All diese Begegnungen der Menschen mit den himmlischen Boten weisen darauf hin, dass das Kind in der Höhle zu Bethlehem auch einen überirdischen Ursprung hat. „Auch“, will heißen, dass diese Herkunft aus dem Bereich jenseits unsrer irischen Welt sich verbindet mit der Schwangerschaft einer Frau und einer ganz normalen menschlichen Geburt. Genau dies aber ist das absolut Aufregende und für viele Menschen so herzzerreißend Anstößige, dass man zu diesem geschehen in der Geschichte nur zwei Möglichkeiten der Antwort haben kann: entweder man glaubt diese Botschaft oder man verleugnet sie.

Diese Einheit von himmlischer und menschlicher Herkunft bezeugen alle vier Evangelien jeweils in einer eigenen dramatischen Art: Der Evangelist Matthäus stellt an den Anfang seines Evangeliums den Stammbaum der Vorväter und Väter, der die menschliche Abstammung des Gottessohnes von Abraham über David bezeugt. Die göttliche Herkunft wird deutlich aus der Überschattung des Heiligen Geistes, die der Jungfrau Maria widerfährt.

Der Evangelist Markus lässt am Anfang seines Evangeliums der Vorläufer und Propheten Johannes, den Täufer, die kurz bevorstehende Erfüllung der Prophetie von Jes 40 und mit ihr die Ankunft des Messias verkünden. Bei der Taufe Jesu bezeugt die Stimme Gottes vom Himmel seien göttlichen Ursprung: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen“ (Mk 1,11).

Der Evangelist Lukas vereint irdische und himmlische Herkunft des Kindes durch die jungfräuliche Zeugung in Maria durch den Heiligen Geist. Der Engel sagt ihr: „Darum wird das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt“ .

Der Evangelist Johannes bezeugt die Menschwerdung des Gottessohnes, indem er den edelsten Begriff der griechischen Philosophie („das Wort“, griechisch „logos“) mit dem Gottessohn gleichsetzt. Dann wählt er den niedrigsten Begriff, den sich Griechen denken können, und setzt ihn gleich mit der leiblichen Existenz des Menschen. Diese beiden extremen Gegensätze vereint er in dem winzigen Satz: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns ...“ Er will das den Griechen das Unvorstellbare verkünden: Der Sohn Gottes im Himmel ist eingegangen in einen menschlichen Leib und damit die Geschichte der Menschen.

Erstveröffentlichung und Urheberrecht

Priester Johannes R. Nothhaas, Orthodoxe Gemeinde des Hl. Christophorus, Mainz.Bei Fragen an den Autor zum Artikel und dem orthodoxen Glauben: nothhaas@googlemail.com.
Der Artikel als Faltblatt: Datei:Weihnachten 3.doc

Weblinks