Apologetik der Kircheneinheit

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Die Lehrstunden des Patriarchen Kyrill: Apologetik der Kircheneinheit

Die Reise des Heiligsten Patriarchen von Moskau und ganz Russland Kyrill in die Ukraine wurde zur wahren Apologetik der Kircheneinheit. Das Thema der Einheit hatte in den Reden des Patriarchen, die an die ukrainische Herde gerichtet waren, den Hauptplatz eingenommen, und seine Handlungen unterstrichen diese Einheit.

Die Einheit der Eucharistie zeigt vor allem, dass die Menschen, die an den Heiligen Mysterien teilhaben, sich mit dem einen Leib Christi vereinigen, der nach den Worten des Apostel Paulus – die Kirche selbst ist. Jede Zerstörung der kirchlichen Einheit ist in der orthodoxen Auffassung – schwere Sünde. „Keine Argumentation, keine Menschenweisheit, keine Menschenideale werden das Schisma rechtfertigen, denn das Schisma ist die Übertretung der Worte des Herrn über die Einheit seines Erbes.“

Die Heuchelei der Spaltung wird ausdrücklich in der Eucharistie offenbart. „Warum gebrauchen die Schismatiker folgendes Gebet, in dem sie gleichzeitig lästern: „Uns alle, die wir von dem einem Brot und einem Kelche kommunizieren, vereinige in dem Heiligen Geist?“ In der Tat, wie kann die Eucharistie - das Mysterium der Kircheneinheit - vollzogen werden, wenn die Gemeinde sich gegen die Kirche stellt? „Für die Heuchelei wird Gott [die Menschen] richten – nicht nur die Schismatiker, sondern auch das Volk, das die Wahrheit nicht erkannt und das Göttliche Gebot über die Einheit des Mysteriums der Eucharistie gegen menschliche Träume und Ideale eingetauscht hat.“

Eine Kirchenspaltung bedeutet auch die Spaltung in der Gesellschaft, innerhalb der Nation, im Arbeitsfeld und in der Familie. „Wenn wir die Kircheneinheit verlieren, so sind wir auf dem besten Weg dahin, die Einheit in der Familie, auf der Arbeit und sogar in unserem Staat zu verlieren. Ein Mensch, der die Einheit des Leibes Christi zerstört, wird auch keine Einheit in der Familie haben und verliert die freundschaftliche Beziehung zu seinen Arbeitskollegen. Dieser Mensch ist zur Einsamkeit verurteilt.“

Familie, deren Mitglieder verschiedenen Parteinen der Schisma angehören, zerfallen. Eine Arbeitsgruppe, die unversöhnliche Gegner innehat, wird mit großer Mühe voranschreiten, bis sie sich endlich auflöst. Bis zum heutigen Tage beobachten wir die Folgen der großen Schisma auf dem Balkan, wo die Kirchenspaltung in dem einst einheitlichen Serbisch-Kroatischen Volke zum Massenmord führte. Solche Spaltungen gibt es in der Geschichte der christlichen Zivilisationen reichlich. Solche Spaltung existiert momentan in der Ukraine.

Die ukrainische Kirchenspaltung hat rein politische Ursachen. Dazu äußerte sich bereits vor der Anreise des Patriarchen der Metropolit von Kiew und ganz Ukraine Wladimir. Den Worten des Patriarchen nach, ist „jede Politisierung der Kirche, in der die Vertreter der Gegenpartei aus der Kirche ausgesperrt werden, gefährlich für den Hirtendienst.“

Doch die ukrainische Regierung schreitet schon lange den Weg zur völligen Unabhängigkeit von Russland, sowie der politischen, als auch der kulturellen und religiösen. Die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats wird als ein Instrument des Kremls auf dem Gebiet der unabhängigen Ukraine verstanden. In der Zeitschrift „Glavred“ (russ.: «Главред»), wird die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats von dem Kolumnist Wjatscheslaw Pichowschek als eine „Spionageorganisation“ angesehen, deren Priester das Volk manipulieren und zum Vorteil Russlands ausnutzen.

Die ukrainische Regierung wirft dem Moskauer Patriarchat „Imperialismus“ vor, indem der letztere sich bemüht das kanonische Territorium zu erhalten. Doch was die Regierung von Ukraine „Imperialismus“ nennt, bezeichnet der Patriarch Kyrill als „klare orthodoxe Ekklesiologie“, in der „der Patriarch – der Vater aller ist, unabhängig von der Farbe des Ausweises, und vom Staat in dem die Menschen leben.“ Aber mit dieser Ekklesiologie ist die Regierung von Ukraine nicht einverstanden, und die nationalistisch orientierte Bewegung flößt den Menschen eine andere „Kirchenlehre“ ein.

Der Wunsch des Präsidenten Juschtschenko - eine unabhängige autokephale Kirche in der Ukraine zu gründen - wird von wenigen Menschen geteilt. Dies ist auch eines der wichtigsten Hindernisse. Denn die kirchlich-politischen Projekte, die darauf ausgerichtet sind das Volk zu spalten, sind nicht effektiv und unvernünftig, besonders wenn diese Projekte unter den national-politischen Parolen verlaufen. „Niemand wird auf die Idee kommen, den Zerfall der Familie, die Scheidung des Mannes und der Frau, die Verwaistheit der Kinder bei lebenden Eltern mit politischen, nationalen und kulturellen Argumenten zu rechtfertigen.“ Sollen wir an dieser Stelle noch ein Wort über die Zerstörung der Einheit des Leibes Christi verlieren?

Die Geschichte hat gezeigt, dass noch nie ein Menschentraum, eine politische und nationale Idee im Verlauf der zwei tausend jährigen Existenz des Christentums, ohne die Zerteilung des Leibes Christi realisiert wurde. Dort wo eine Spaltung entsteht wird Blut vergossen, die Energie geht verlustig, die Einheit wird verloren; und die Menschen verspielen gemeinsame Ziele, die vor dem Volk, der Nation und dem Staat stehen. In der Spaltung büßen die Menschen die Eigenschaft der Zusammengehörigkeit ein. Eine Spaltung ist auch für den Staat ein großer Nachteil, denn dieser Zustand schwächt ihn von innen und bricht die Kraft des Volkes in zwei. Im Gegenzug kann „das kirchliche Wirken das Nationalleben harmonisieren.“

Um die Spaltung in der Ukraine zu überwinden, müssen, nach den Worten des Patriarchen, die Menschen erkennen, dass „alle orthodox Getauften eine einzige Kirchenherde bilden, unabhängig von ihren politischen Ansichten, Sympathien und Antipathien, unabhängig von ihrem Verständnis der Geschichte – dass sie alle die eine autokephale Kirche formen. Die Kirche ist dazu berufen außerhalb der Grenzen zu arbeiten, außerhalb der Grenzen, die das Volk spalten, denn die Kirche ist eine unikale Gemeinschaft. Sie verbindet jene, die den Glauben an das Herz pflegen. Und ebendiese Solidarität innerhalb der Kirche ist der „Samen“ der Solidarität für die gesamte Gesellschaft.“ Die Überwindung der Spaltung in der Ukraine würde bedeuten, dass sich innerhalb ihrer Grenzen eine ukrainische Nation gebildet hat, die für eine autokephale Kirche bereit ist.

Doch besinnen wir uns. Dies ist nicht das erste Mal, in dem der Patriarch an die Einheit der Kirche appelliert. Ukraine ist nicht der erste Staat auf dem Russlandgebiet, der nach Unabhängigkeit trachtet. Politik, Nationalismus, Ideologie – all diese Bereiche führen unausweichlich zur Spaltung, wenn sich die kirchliche Gesellschaft darin verwickeln lässt.

Momentan gibt es viele Bewegungen, die ihre Interessen, bzw. Ideologien vor die Erhaltung der Kircheneinheit stellen. Es bildet sich eine gefährliche „Vereins-Ekklesiologie der Interessen“ heraus, die darum bemüht ist nur die Interessen der Bewegung zu vertreten. Diese Ekklesiologie verbindet Menschen, doch bestimmt „gegen jemand anderen.“ Jedes Menschenbündnis gegen Dritte (die in Wirklichkeit keine Feinde sind) – ist ein Bündnis des Teufels. Dieses Bündnis kann der Versuchung durch die Zeit nicht standhalten, es zerstört das gesunde Gewebe der gesellschaftlichen Beziehung; gleich einem Krebsgeschwür, keimt es durch das Volksleben, und explodiert anschließend wie blutige Protuberanz. Die Menschen ersetzen Orthodoxie mit verschiedenen Ideologien und politischen Bewegungen. An dieser Stelle kommen einem „The Screwtape Letters“ des C.S. Lewis ins Gedächtnis.

Wir mögen auch lange weiter über die Spaltungen diskutieren, doch bis unser Volk die Einsicht darüber nicht erlangt, dass die Gemeinschaft der Eucharistie viel wichtiger ist als die krankhafte „Vereins-Ekklesiologie der Interessen“, können wir lange auf die Heilung vieler Schismen hoffen. Aber zu dieser Einsicht können wir gelangen, wenn wir den Wert der Eucharistie im Leben des Christen und ihren Platz in der Kirche Christi begreifen. Daher sollte ebendieses Thema in der Kirchepredigt – das Leitthema sein.

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