Anfang des Matthäusevangeliums

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Johannes R. Nothhaas: Der Anfang des Matthäusevangeliums

Diese so eintönig erscheinende Aufzählung der Vorväter- und Königsnamen ist das hohe und grandiose Eingangstor zum Bericht von der Geburt Jesu Christi im Matthäusevangelium. Durch dieses treten wir ein in die drei Geheimnisse der Geschichte des jüdischen Volkes.

1. Diesen Anfang der Weihnachtsgeschichte muss man bedenken aus der Situation der Christen, die sich gerade gegen alle Verleumdung und Verfolgung zur Kirche formiert hatten. Für die Schriftgelehrten der Juden waren sie die Sekte eines Volksverführers. In dieser Situation schreibt der Evangelist Matthäus diesen Anfang seines Evangeliums. Gleich mit dem ersten Satz - er wirkt wie ein dreifacher Paukenschlag am Anfang einer Symphonie - vereinnahmt er mit einem Dreisprung:

       Christus - David - Abraham

Die gesamte Geschichte Israels, von Christus angefangen über das Königtum Davids zurück bis zum Stammvater Abraham. Kennzeichnend für die Vorstellung von Geschichte ist hier, dass ihr Ablauf nicht von damals nach heute hin sich erstreckt, sondern von damals, der Geburt Jesu Christi, nach rückwärts über den König David zu Abraham hingesehen wird und von der Geburt des Gottessohnes nach vorne über die Zeit des Evangelisten in unsre Zeit sich entfaltet. Damit ist Sein Eintritt in die Geschichte zum Bezugspunkt alles Geschehens geworden. So ist auch ganz folgerichtig die christliche Zeitrechnung angesetzt. ER ist die Mitte der Zeit.

Der Evangelist erhebt mit dieser Aussage einen unerhörten Anspruch auf die Geschichte des jüdischen Volkes. Er sagt mit dieser Zeiteinteilung, dass die Reihe der Vorväter und Patriarchen des israelitischen Volkes nichts anderes zum Ziel hatte als die Geburt und das Kommen und Wirken des Christus. Schon sein Name bezeichnet ihn als den Messias, als denjenigen, auf den das Volk Israel seit Jahrhunderten schon gewartet hat. So will uns die nun folgende Reihe der Väter und Könige (Mt. 1,1-17) die meist alles andere als ein gottgefälliges Leben führten, zeigen, dass Gott unter dem Schleier von Abfall vom Glauben und menschlicher Verfehlungen durch diese Männer in der Geschichte seinen Heilsplan auf sein Ziel hin steuert: die Geburt Jesu Christi in Bethlehem. Dieser Ort ist kein anderer, als der, aus dem David, der König Israels, herkam. Der Stammbaum und der königliche Geburtsort erheben für den dort in einem Stall in aller Armut geborenen Knaben einen königlichen Anspruch.

2. In der zweiten Hälfte dieses Eingangskapitels des Matthäusevangeliums schildert der Evangelist die näheren Umstände der Geburt des Kindes. Hier begegnet uns die andere Art des Wirkens Gottes in der Geschichte: Sein direktes Eingreifen in ihren Ablauf, das nicht mehr den Naturgesetzen unterworfen ist. Wie oft hat Gott durch solches Handeln seinem Volk in höchster Not geholfen: Man denke nur an all die Wunder beim Auszug Israels aus Ägypten. Solches Handeln Gottes begegnet uns auch hier in dem Geschehen um die Geburt dieses Kindes. Dem an der Treue seiner Braut zweifelnden Joseph erscheint ein Engel im Traum und verkündet ihm : „... was sie empfangen hat, ist vom heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben...“ (Mt1, 20f.). Hier ist bereits das größte aller Wunder Gottes schon geschehen: Sein Eingehen in die Gestalt eines Menschen durch jungfräuliche Zeugung.

3. Dieses Heilshandeln Gottes geschieht jedoch nicht von ungefähr. Es ist in vielerlei Weise im Alten Bund angekündigt, unter anderem in der Weissagung des Propheten Nathan an den König David: „Ich will deinen Samen nach dir erwecken, der von deinem Leibe kommen soll; dem will ich sein Reich bestätigen. Der soll meinem Namen ein Haus bauen, und ich will den Stuhl seines Königreiches bestätigen ewiglich“ (2 Sam 7,12f.)

Diese Prophezeiung für das davidische Königshaus ist der Grund, warum David und sein Geburtsort Bethlehem eine solch wichtige Rolle in der Geburtsgeschichte Jesu Christi spielen.

Hinzu kommt noch die andere Weissagung, die auch in diesem Anfangskapitel des Matthäusevangeliums erwähnt wird, die der Prophet Jesaja ausgesprochen hat:

„Darum so wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel“ (Jes 7,14).

So gehört auch die Weissagung zukünftigen Heilshandeln Gottes zu den Kennzeichen der Geschichte Israels.



In der ersten Hälfte von Mt. 1 geht es um Gottes Wirken durch die Reihe der Vorväter in der Geschichte des Alten Bundes. In der zweiten Hälfte berichtet der Evangelist über den unmittelbaren Eingriff Gottes in die Geschichte. Dieser geschieht durch die jungfräuliche Zeugung. Da heißt es ebenso lapidar wie unergründlich: „sie war schwanger durch den Heiligen Geist“. Diese Aussagen wurden einerseits als eine Art Poesie zum Ruhme Gottes interpretiert und andrerseits mit dem Argument der Allmacht Gottes verteidigt. Wie aber lässt sich ein Text mit der Auslegung als Poesie so hinterfragen, dass die menschlichen Maßstäbe der Logik und Erfahrung an Gottes Handeln angelegt werden? Wer sind wir, dass wir meinen, im Namen der Naturgesetze oder auch der Allmacht Gottes, sein Wirken in der Geschichte prüfen und billigen zu müssen? Entscheidend ist nicht die Frage, wie Gott handeln kann, sondern dass es so geschehen und überliefert worden ist.

Daher ist es nicht nur sinnvoll, sondern auch theologisch geboten, diese Aussage über die übernatürliche Zeugung des Gottessohnes stehen zu lassen und solches Handeln Gott zuzutrauen.

In der Geburtsgeschichte Jesu Christi nach Matthäus erhält 1. das Handeln Gottes durch die Generationen in der Geschichte seine Ergänzung 2. im Eingriff Gottes vom Jenseits her in die Geschichte. Gott handelt auf beiderlei Weise. Zu diesen beiden Geheimnissen kommt noch ein drittes hinzu: Der Eintritt des Gottessohnes in die Geschichte ist 3. die Erfüllung der Prophezeiungen, die den Vorvätern im Alten Bund gegeben wurden (Jes 7,14). Alle drei Fäden sind in Mt. 1 wie zu einem Strick verwoben.

In dieser Ahnenreihe, die auf Jesus hinführt, sind auch Nichtisraeliten einbezogen, gibt es Ehebruch, Inzest, Mord und andere Verbrechen. Gott geht diesen Weg in die Geschichte menschlicher Verfehlung und wird als ein Mensch geboren. Gottheit und Menschheit wohnen wieder in einem Leib. Und so will Jesus auch in uns wieder neu geboren werden. Er will die Trennung des Menschen von Gott durch die Sünde des ersten Menschenpaares überwinden und unser Herz zu seiner Krippe machen. Dies ist das Ziel des Handelns Gottes durch die Reihe der Vorväter bis zur Geburt des Kindes im Stall zu Bethlehem.

Erstveröffentlichung und Urheberrecht

Priester Johannes R. Nothhaas, Orthodoxe Gemeinde des Hl. Christophorus, Mainz. Bei Fragen an den Autor zum Artikel und dem orthodoxen Glauben: nothhaas@googlemail.com.
Der Artikel als Faltblatt: Datei:Der Anfang des Mt.ev.doc